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Eine gestörte Kölner Kirmes (Hänneschen) (Niessen)

 

Eine gestörte Kölner Kirmes oder das Landfest der Bauern. In: Carl Niessen: Das rheinische Puppenspiel. Ein theatergeschichtlicher Beitrag zur Volkskunde. Bonn: Klopp 1928. (= Rheinische Neujahrsblätter. VII.) S. 208–242.

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Die Edition von Carl Niessen erfolgte auf der Basis eines Diktats von Wilhelmine »Bertha« Wilms (geb. Oellers, 1899–1973) aus dem Ensemble des sogenannten »Alten Kölner Hänneschen-Theaters«, der Wanderbühne unter der Leitung von Josef Niessen, dem Bruder des Editors. (Vgl. Frauke Kemmerling: »Not an Hänneschens Wiege« – aber »klarfrohe Augen« des Neugeborenen. Vom »Stammbaum« der Prinzipale und Prinzipalinnen bis zur Geschichte der Spielleiter und Intendanten und ihrer Ensembles. In: F. K. und Monika Salchert: Mie Hätz wie Holz. 200 Jahre – Kölsch Hännesche. Neue Erkenntnisse, alte Tradition – immerwährende Sehnsucht. Köln: Emons 2002.Kemmerlin, S. 25, und Niessen, Das rheinische Puppenspiel, S. 206.) Das Diktat wiederum folgte der in der Familie Königsfeld gespielten Version, die sich von jener der Familie Klotz (vgl. Kemmerlin, »Not an Hänneschens Wiege«, bes. S. 24) durch die lange neue Szene mit Tünnes’ Besuchsprobe und dessen Erscheinen im Salon der Gräfin unterscheidet (vgl. Eine gestörte Kölner Kirmes (Hänneschen) (Niessen), S. 210–218; vgl. auch Niessen, Das rheinische Puppenspiel, S. 206).

Stoff. Vorlage.
Unter den im »Hänneschen«-Theater gespielten Ritterstücken konnten sich bis ins frühe 20 Jahrhundert nur »Genoveva« und »Eine gestörte Kölner Kirmes« halten – Letztere wohl auch wegen der nach wie vor erfolgsträchtigen Motivkombination aus verfolgter Unschuld, Verrat, versuchtem Frauenraub und der poetischen Gerechtigkeit am Ende des Stücks (allesamt Motive, die das Stück auch mit der »Genoveva« teilte, die Christoph Winters unter dem Titel »Genoveva. Trauerspiel zom Dudlaache in 5 Akten« – also »zum Totlachen in 5 Akten« – im Repertoire gehabt hatte. Die maschinschriftliche Abschrift der Hänneschen-»Genoveva« diente dann Wilhelm Räderscheidt als Grundlage für seine explizit »für das Kölner Hänneschen-Theater« verfasste Version; vgl. Wilhelm Räderscheidt: Genoveva Hännesgen un der Dud. Die drei Wünsche. Et Kureete Gespenss. Köln: Kölner Fröbelhaus; Weiden [1920]. (= Puppenspiele – besonders für das Kölner Hänneschen Theater. 1.) Wie stark im Laufe der Jahrzehnte die Komik forciert wurde, aber auch wie weit man das Stück seit seiner vermutlichen Entstehung in den 1810er Jahren zerspielt hatte, dokumentiert ein Vergleich der »Gestörten Kölner Kirmes« mit jenem Szenar vom »Räuber Leionartt«, das dem (nicht erhaltenen) Original zugrundegelegt worden sein muss:

»Erst Baurstub
Niclas staubt und spricht von Kirmes. Ein Baur kömpt. Sie sprechen, daß 500 Taler vom Haubt der Reuber, wer in der Gräfin bring. Niclas spricht vom alten Burchherr, der – Gott weiß, wie er fortt kommen sey – gud gewesen wehr. Schickt sein Henneschen zur Gräfin, sie zur Kirmes einzuladen; wenn sie sagen würde, ich wünsch ihm viel Freud, sag, ‚wir ihr gesgleich‘.
Godischer Saal.
Der Burchfogt ist bös, daß die Gräfin ihr Traur-Kleid nicht ablegt und ihn heirathe, sagt, daß er verkauft an die See und nicht wieder kem. Die Gräfin kömpt. Er spricht sie um Liebe an, weil ihr Mann sie verlaßen. Sie sagt, er soll Gedult haben – ab. Henneschen ladet sie zur Kirmes ein, sagt, das sie eine Fiemagt hette, wie sie desgleichen; Stockfisch eßen, wie sie des gleichen. – Der Burgfogt sagt, ob er nichts vom Räuber gehört. ›Doch! wenn wir ihn habe soll er gehenkt werden wie Ihr desgleichen sofortt‹ – er jagt Hund an ihn. Actus.
Actus 2ter.
Dorf Reybaum und Sternen alles lustig tanzen um den Baum. Der Graf kömpt als Husar. Sie glauben, es wer Räuber Leionard, briegn ihn auf die Burg.
Actus 3ter.
Godischer Saal. Der Burchfogt sagt der Gräfin, daß der Reuber im Kerker sei, sie soll ihn zu sich kommen laßen, ihm sein Urtheil zu fellen. Die Bauren bringen ihn herein. Der Graf giebt sich zu erkennen, daß er der Graf sei, alles freud sich und sagt, daß der Fogt ihn auf die See an das Fogt Vetter verkuft hette und die Gräfin betrügen wolle. – Der Burchfogt wird von den Bauren geholt und ins Burgverlies gebracht. Der Graf und Gräfin erscheinen in ihrem Braudschmuck und wollen den Leuthe ein Fest geben –. Sie rufen 'es lebe der Graf und Gräfin'.—«
(In: Niessen, Das rheinische Puppenspiel, S. 207–208.)

Bestände. Rezeption.
In dieser Form und Fassung wurde »Eine gestörte Kölner Kirmes« erst in den 1920ern niedergeschrieben; ein älterer beziehungsweise originaler Text von Christoph Winters scheint nicht vorhanden zu sein. Der Herausgeber Carl Niessen versicherte, dass für das »Festhalten der alten Spieltexte«, darunter auch »Eine gestörte Kölner Kirmes«, »Dr. Josef Niessen«, der damalige Leiter der Hänneschen-Wanderbühne der 1920er (und sein Bruder), gesorgt hätte (Carl Niessen: Kleine Schriften zur Theaterwissenschaft und Theatergeschichte. [Hrsg. von Günter Seehaus.] Emsdetten: Lechte 1971, S. 163).

In der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln befinden sich unter der Sign. Ms. 1294 lose maschinschriftliche Blätter in Großformat sowie unter der Sign. TWS-ST-Hän-99/797 (Hänneschen-Bestand) eine maschinschriftliche Abschrift eines alten Hänneschen-Textes, der für die Hänneschen-Wanderbühne der 1920er Jahre verwendet wurde.Die Puppentheatersammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verwahrt unter dem Titel »Die gestörte Kirmes« neun beschriebene Blätter unbekannter Herkunft (Sign. Ms. 0415); vermutlich waren sie für ein Nachspiel gedacht.

Sprache.
Die Lustigen Personen, sie alle von der sozialen Zuordnung her aus der dörflichen oder (vor-)städtischen Unterschicht beziehungsweise dem Handwerk, sprachen im »Hänneschen«-Theater im Kölner Dialekt bzw. auf Kölsch, einer Variante des Niederrheinischen.

 

 

 

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