Was ist Kanonforschung?  
   

»Kanon« (von griechisch »kánna«: Rohr beziehungsweise Stange, Stab) meint in übertragenem Sinne Regel, Richtschnur, Leitfaden und, bezogen auf die Literatur, ein autoritatives Korpus von Texten, die als (ästhetisch) besonders wertvoll, ja mustergültig angesehen werden und deren Kenntnis als obligatorisch gilt. Was, warum, wie und zu welchem Zweck etwas gelesen werden soll, welche Personen, Gruppen und Instanzen an der Modellierung eines Kanons beteiligt sind und welche Werthaltungen beziehungsweise Maßstäbe ihr zugrunde liegen, begründet sich keineswegs durch die »Qualität« und »Ästhetik« der Texte. Im Gegenteil sind diese Funktionen des kanonischen Urteilens ebenso sozial und historisch generiert wie die Literatur selber.

Wenn es denn stimmt, dass die Vehemenz, mit der kulturell Verbindliches festgehalten, festgeschrieben, (neu) festgelegt werden soll, stets auf das endgültige Verschwinden des Phänomens selbst hindeutet, so scheint es um den literarischen Kanon schlecht bestellt zu sein. Seit den 1990-er Jahren reißen die Versuche nicht ab, aus den alten, einmal (national-) literarisch, dann wieder »weltliterarisch« oder »westlich« apostrophierten Kanones das große Geld und / oder bildungsideologisches Kleingeld zu machen. Genannt seien stellvertretend »The Western Canon. The Books and School of Ages« von Harold Bloom (New York 1994), »Bildung. Alles was man wissen muß« von Dietrich Schwanitz (Frankfurt a.M. 1999), »Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher«, herausgegeben von Joachim Kaiser (Dortmund 2002) oder »50 Klassiker der Weltliteratur« von Thomas Rommel (Hamburg 2006); sie alle werden gewichtsmäßig im doppelten Sinne erschlagen von Marcel Reich-Ranitzkis »Der Kanon« (Frankfurt a.M. 2002ff.).

Kanonforschung versteht sich hier als Teil einer soziologisch verstandenen Reflexion über die an der Bildung von Kanones beteiligten Gruppen und Instanzen, über Formen und Bedingungen von Kanonisierung, Dekanonisierung und Rekanonisierung, über die meist unausgesprochenen Postulate und Interessen, mit denen Texte einmal in den Kernkanon, dann wieder in den Randkanon gelangen, über Narrative und Rhetorik kanonischen Urteilens und kanonisierenden Sprechens, über Unterschiede zwischen postulierten und praktizierten, aktuellen und historischen Kanones. Nicht zuletzt umfasst eine so verstandene Kanonforschung auch die metatheoretische Reflexion über die Konstruktion von Literaturgeschichte(n) als Soziogenese literarischer Erinnerung und Kultur.

»Literatur und Kanon« bietet erstens eine jährlich aktualisierte Bibliografie zur Kanonforschung vorwiegend im deutschsprachigen Raum seit 2002 (ausgehend von der Bibliografie von Ilonka Zimmer in: Text + Kritik IX (2002), Sonderband: Literarische Kanonbildung, S. 352–368). Zweitens versteht sich die Liste als potentielle Online-Bibliothek zur Kanonforschung, in der Forschungsergebnisse im Volltext abrufbar sind. Um einschlägige Beiträge wird gebeten!

 
         
       
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