Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 15. Juni 1847 [?]
 
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München am 15 Juni.

Es würde Mir schwer fallen, mit Worten auszudrücken, mit welcher unendlicher Freude Ich, unvergeßlicher, theuerster Freund, Deine Zeilen vom 5. aus Thurn am Hardt, über Leipzig erhielt. Den beßten Dank für Deine Äußerungen über Reuter. – Mein historisches Taschenbuch ist eben ausgedruckt: Du wirst es bei Mir finden, oder Ich sende es früher noch, durch Fahrpost. Wenn Friedrich mit der leeren Tasche –

"dießmal auch Dein Herz nicht rührt
Bist Du ganz pestrificirt."

Kaum läßt Etwas, donnernder Zeitgemäßes sich denken, als die damalige, tyrolische Catastrophe und das Hervortreten des Bauernstandes cum grano salis. – In Meinem von Dir erwähnten Buche sind allerdings die bäuerlichen Verhältnisse das Urbarium, die sogenannte gemässigte Unterthänigkeit, historisch und staatsrechtlich, wahrheittreu geschildert, wie Ich denn überhaupt meine, man werde Mir keine einzige leidenschaftliche Declamation nachweisen können, bei der obligaten Lobhudelei und orientalischen Adoration, sind die Facta freilich neu und höchst unwillkommen. Gar Vieles wäre ohne Mich, für immer begraben gewesen, allein zu widerlegen, dürfte schwerlich

 
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auch nur eine einzige sein?? Die galizischen Greuel haben die Wahrheit furchtbar bestätiget und es ist, wie ein Fingerzeig aus den Wolken, daß seitdem, trotz aller Hindernisse, das Buch nach Ungarn und Böhmen, reißend gegangen ist. – Kömmst Du nach München, so bemächtige Ich Mich Deiner ganz, begleite Dich nach Augsburg auf der Eisenbahn und warte in Augsburg, um wieder mit Dir zurückzufahren und Dich in München noch etwas aufzuhalten. Nur das Einzige bitte Ich, wenn es Ernst wird: zwei Zeilen an die Buchhandlung Georg Franz, – bloß H beigefügt, wann Du beiläufig nach München kömmst, damit Ich ja da sei (Bazar bei Carles nächst am Kunstverein,) und nicht etwa einen Ausflug ins Gebirge mache, – acht bis vierzehn Tage harre Ich gerne, wie eine, an das Scheunenthor angenagelte Fledermaus, denn Ich würde diesem Wiedersehen, jeden andern Glücksfall und selbst jede Cur nachsetzen.

Mit Unserm Respect an die Frau Gräfinn, bitte Ich Dich nochmals auf das Dringendste hierum und umarme Dich tausendmal aufs Dankbarste für die ungeheure Freude, die Dein Brief Mir gemacht hat:

TuissimusHr.

Meine neuesten Nachrichten über Lenau, sind mißtröstlich. Er hat auf Augenblicke, das vollste Bewußtsein, ist aber dann wieder ganz verloren.

 
 

 

 
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