Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Bremen, am 28. März 1846
 
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Bremen am 28 Mz. 1846.

Bei der Gelegenheit, als die Zahl der Enkel des unvergeßlichen Georg Reimer die runde Summe von dreißig erreicht und dem vortrefflichen Hirzel abermal ein Sohn geboren ist, bitte Ich ihn, Dir diese Zeilen schnell und sicher zu übermachen, da Ich Dich in den Zeitungen lese als den Verherrlicher des Jubiläums Castellis, welche humoristische, gute Sau Ich gerne noch einmal gesehen hätte. – Eine wahre dichterische Ader ist Ihm doch nicht abzusprechen. Freilich ist sein Gebiet nur ein gar kleines. – Frankl besuchte Mich letzten Herbst und mußte Mir viel von Hammer erzählen. Ich halte auch das Sonntagsblatt, aber du Mein Gott, was ist das für eine Kranken- und Reconvalescentenspeiserie Alles in dem, doch so herrlichen, krafvollen Reich, das jetzt wieder in Galizien ein Lied singen kann von den Folgen der Verwild-

 
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Verwilderung und 1846 einen Bauernkrieg erlebte, toller als der große von 1526. – Das Taschenbuch auf 1846 erhielst Du wohl durch die Weidmanns? – Manches darin mochte Dir doch interessant sein, auch in den, jetzt schon fast ausgedruckten auf 1847, wo Ich Meiner alten Passion Luft gemacht habe, für Friedrichen von Tyrol mit der leeren Tasche, den Ich Dir längst schon als poetischen Stoff, gar zu gern aufgeschwätzt hätte und der auch vielseitig und herrlich ist. – Die Anemonen, einmal zu lesen, ist Nichts. Wie an einer Zuckerbirne, muß man von Zeit zu Zeit daran lecken, sie weglegen und wieder nehmen, – deßhalb ihre aphoristische Natur. – Ein und anderer deutscher Michel glaubte sich einem Columbus, durch die Entdeckung, sowie Münsters Lebensbild kein Plutarchisches Biographiemuster, so seien auch

 
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die Anemonen kein geschichtliches Kunstwerk: o du Esel! der die Einkleidung für die Sache und die Schale für den Kern hält! Das ist just, wie: eine recht gelungene interessante Buste, nur Schade, daß es ein Torso ist, ohne Hände und Füße und selbst ohne Zebedäus! – In den Sapphen und Minen ist die Hauptsache, daß eine nach der andern, hübsch langsam, bloß Pratschen, wie die Feinde, heranschlichen und ganz listig die Nase dazustecken. Es ist allerwärts ein Ringen und ein Sterben, daß das bloße Nichtsthun und Fliegenklatschen kaum mehr ausreicht. – Jetzt aber die Hauptsache und den Zweck dieser Zeilen. – So Gott will, bringe Ich den Juni und Juli, vielleicht auch noch ein Stuck August in München zu. Dein Wiedersehen ist Mir ein wahrer Lebensbalsam gewesen und Ich meine, damit immer wieder ein Jährchen dem grimmen

 
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Tod aberobert zu haben. – Welche Projekte hast Du für diesen Sommer? – Salzkammergut, Gastein, Salzburg sind dabei gewiß nicht vergessen? In München siehst Du gewiß jedes Jahr neue, bewundernswerthe Schätze. Sonst käme Ich Dir gern auch an die Grenze entgegen, nach Berchtesgaden oder Teisendorf? – Doch Schwanthaler, Kaulbach, Rottmann, Schnorr, die Hess, bieten Dir jeden Sommer genug und Du warst ja Meines Wissens, noch gar nicht auf Hohenschwangau. Hoc est crimen laesae majestatis, der Naturgrazien, der historischen Reminiscenzen, der Geschichtsmalerei.

Ich hoffe, durch die Weidmanns ein paar tröstliche Zeilen und umarme Dich in alter, verehrungsvoller Treue und bewundernder Liebe, mit Meinem und Meiner Frau tausendmaligen Respect an die anmuthvolle Frau Gräfinn:

Tuissimus
Hormayr

 
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  Die Hauptsache, (recht legitim und correct,) zuletzt und auf den Kopf gestellt. Die slavischen Lieder aus Krain mögen ja das Taschenbuch nicht vergessen. – Vereinzelnt in dem matten und müden Sonntagsblatt , sind sie doch weggeworfen, ohne ihren höheren Charakter  
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  Du kennst doch Meinen Kurz, Russ und Ursula Pichler?  
     
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