Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Bremen, am 28. Jänner 1846
 
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Bremen am 28. Jan. 1846.

So wie Unser letztes Begegnen in München, Mir in Wahrheit ein Jahr an Lebensfrist zugesetzt hat, ist auch der Wunsch und die Sehnsucht höchst natürlich, auch das laufende Jahr 1846, etwas von Deinen Planen zu wissen, in denen Ischl oder Salzburg und Gastein gewiß nicht vergessen sind, sonach auch gewiß nicht München, wo jedes Jahr dem Freunde der Kunst nicht nur, sondern auch dem aufmerksamen Beobachter der Zeit, die interessantesten Novitäten [ergänzt: sich] darbieten.

Von Deinem und der Frau Gräfinn vollstem Wohlergehen, glauben Wir das Beßte voraussetzen zu dürfen. – Auch Meine Frau empfiehlt sich angelegenst in geneigtes Andenken.

Die Dir, Mein unvergesslicher, theurer Freund, in München mit gegegebenen Blättlein, hast Du gewiß in freundliche Huth genommen und nicht weggeworfen? – Außer, dem, durch Weidmanns dir längst zugekommenen, historischen Taschenbuch auf 1846, ist Nichts weiter erschienen; jenes auf 1847 aber, großentheils ausgedruckt und viel Schönes darin, aber immer noch Raum genug

 
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für das Köstlichste, nemlich für die slavischen Volkslieder aus Krain.

So viel Ich auch geschrieben habe, blieb Ich doch immer in der Mir eigenthümlichen Sphäre der Geschichtsforschung, des Quellenstudiums, der historischen Critik. Bis zur Geschichtsschreibung durchzudringen, haben die Stürme Meines Lebens auseinandergeblasen, so trotz 25jähriger Studien 1803/1828 Max I, Carl V. ihre Helden und ihre Zeit, wovon fragmentarisch viel edirt, viel von Ranke, Lang, Dahlmann u. A. benützt ist, – dann: Oestreich unter den Babenbergern, begonnen 1825, als Ich kaum die Feder aus der Hand legte von der Geschichte Wiens, wozu Ich aus München Herrliches ans Licht zog, wovon jetzt mancherlei Tröpfe profitiren, als hätten sie das Alles erobert! – Meinetwegen. – Erst mußte die Historie den Bankrott Lichnowskys stopfen, – jetzt durch Hurters Jesuiten- und Convertitenwesen, die Stimmung gegen Oestreich in Deutschland, die so gut sein könnte, wie gegen die Wurzel alles Übels, aufs Äußerste erbittern,

 
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zumal gerade jetzt! Hügel ist ein geistvoller, lieber Mann, aber, wie Vater und Schwester ein Pfründner des Narrenhauses; ohne die geringste Fachkenntniß hält er wohl eine Urkunde für einen Krapfen und beißt hinein, – dazu die, sich für große Männer haltenden Zusammenwürfler von Regesten, die Kropftaube Chmel und der alte mouchard und Historiograph von Maria Schnee, Mariataferl und Maria Hitzing, Kaltenbeck. – Aber wenn nur die Academie zu Stande kömmt, mit einem Dutz und Sinecuren und ihrem vorschneiderischen Präsidenten, dann hat es gar Nichts zu sagen, daß Geschichte, Politik, Staatsrecht, Philosophie, Theologie, wie sie sein sollten, dort ewig verpönt bleiben, – Leider, bei so viel Anlagen in den Völkern, die man lieben muß, das System aber nur hassen kann.

Nur ein Dummkopf könnte glauben, in den Lebensbildern sei für Münster, ein plutarchisches Meisterstück von Biographie, bezielt gewesen? Ebensowenig sind die Anemonen ein

 
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Geschichtswerk, sondern nur Aphorismen über Geschichte, Pfeffer und Salz ist man auch nicht als Speise, sondern zu den Speisen! Manches Blatt wäre leicht zu einem Buch auszuspinnen, leicht anzufinden, aber schwer zu widerlegen! – gewiß überall alte Liebe zu Land und Volk, – mit Feuer gelobt, was zu loben ist, Theresia, Joseph, Eugen, Laudon, die beiden Max, der schlaue und kühne Rudolph, aber da soll Alles Licht sein, und gar kein Schatten. Die ekelhafteste Lobhudelei, auch wackere Charaktere ansteckend, wie man sich bei tauben Leuten sehr leicht ein beständiges Schreien angewöhnt, das Andern lächerlich und widerwärtig auffällt.

Erfreue Mich, Theuerster, doch bald durch einige Zeilen und durch einen Hoffnungsstrahl des ersehnten Wiedersehens

Tuissimus
Hormayr

 
  Seite 4, unten, quer zum übrigen Text  
  Dr. Frankel war auf seiner großen Reise, auch in Bremen und Hamburg. Ich introducirte ihn 1827/1828 im Archiv: – ein bescheidener, patriotischer Mann. Sein und der Sontagsblätter Namenstag ist am 28 Dezember, "unschuldige Kindlein". Die beiden Herodes müssen doch auch des Alters Last fühlen, auch der jüngere, trotz des peremirenden Schnepfenstriches??  
     
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