Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 16. August 1844
 
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München 16. August 1844.

Wie jede Kunde von Dir, erfüllte mich auch das letzte Briefchen mit großer und inniger Freude. – Die geistvollen "Nibelungen im Frack", hatte mir die mir sehr befreundete Weidmannische Buchhandlung in Leipzig schon vor Monaten zum verbindlichsten Danke zugesendet, und studirenwir ungeduldig, welches der nächste Gegenstand deines Genius sein würde?? – Es that mir weh, dieses Jahr, bei meinem längeren Aufenthalt in München Dich gar nicht gesehen zu haben. Hoffentlich bin ich 1845 glücklicher, wenn ich noch lebe. – Öhlenschläger und Zedlitz haben mir Hammer als sehr verfallen geschildert. Auch der Fürst Metternich soll sehr altern. Kennst Du die schweizerische Schrift: "Die Politik der deutschen Minister, im Widerspruche mit den Interessen der Fürsten und des Volkes,"?? Doctrinär phantastisch aber

 
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viel richtiges über Osterreich, gegen welches leider viel kläglicher Schund ans Licht tritt – und den Censursdruck noch ärger macht. – Indessen ist die Zeit unläugbar in großer Bewegung, man ist manchmal froh, daß man alt ist und die dunkeln, verworrenen Stürme, die uns bevorstehen, nicht mehr erlebt. – Den III Theil der Lebensbilder hast Du doch gelesen?? Es drängt mir das Herz, Dich darüber zu hören. – Ehestens erhälst du auch das historische Taschenbuch auf 1845, eine Serie, die nur mit meinem Leben aufhören wird, und deren vollständiger Besitz gewiß ein angenehmes Meubel ist.

Hammer verstummt nun wohl mit seiner Academie? – ein toller Einfall, wo nur sciences éxactes frei sind? Bei der Philosophie, bei der Theologie, Staatsrecht,

 
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Politik, die man dort duldet bei der durch und durch falschmünzerischen Geschichte, die man dort braucht, wo nur Quellenstudium, Critik, Säuberung des Stoffes geduldet ist?? – Wer wollte denn auch das Jahrhundert Rudolfs II., der Ferdinande und Leopolds I schildern, ohne sich selbst, gleich nach der Herausgabe, eine Kugel durch den Kopf jagen zu müssen.? – Bei diesem Stand der Dinge, wäre eine Academie, nur ein neuer Stall von Sinecuren und der Obersterblandvorschneider, der sich in den alten, liberalen Zeiten rühmte, daß sein Großvater, Krautgärtner im Belvedere Eugens war, als Präsident an der Spitze, mit Gratz und Grätz, – Ladl und Lädl?? senectus ipsa est morbus. – Die Necrologe der guten Pichler des Chorherrn Kurz, des Historienmalers, Custos Russ werden Dich nicht ohne Theilnahme

 
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lassen. – Auch darüber verlangt es mich nach Deinen Ansichten. – Bei so herrlichen Anlagen ist die Wahrnehmung schmerzlich, wie wenig Großes, ja Namhaftes geleistet wird, bei allem Dünkel, daß die Oesterreicher nur sich selber nicht gehörig loben. Der Feind ist überflüssig da, aber, du mein Gott, wenn mehr als die Hälfte des menschlichen Forschens, und zwar gerade die schönste Hälfte, verbotener Garten und völlig gesperrt ist??

Der Frau Gräfinn, wie Dir empfiehlt sich meine Frau aufs Innigste. Möchte ich [durchgestrichen: doch] bald wieder von Dir hören, der ich bis ans Ende des Lebens niemals aufhöre voll inniger Verehrung und Liebe zu sein

Tuissimus
Hormayr

 
     
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