Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Bremen, am 26. Februar 1843
 
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Bremen am 26.<ten> Febr: i843.

Es würde Mir schwer werden, meine Freude über Deine theuren Zeilen vom 14.<ten>, mit dem gleichzeitigen Andenken so vieler theuren Freunde auszudrücken. – Welden, den Ich i802 bei Chasteler in Unserer beiderseitigen frühen Jugend kennen lernte, achtete und liebte Ich stets, als eine Perle des österreichischen Heeres, – der ehrliche, grundgelehrte Muchar erndtet so jämmerlich karg, wo er so reich gesäet, doch nil desperandum, – eben so erging es dem unvergleichlichen Palatzky, aber die Böhmen haben härtere Köpfe, darum stand in der Ambraßer Sammlung auf der Stachelkeule Ihres Gouvernators Ferdinand: "behaimischer Ohrlüssel, womit man ihnen fleißig die Ohren raumben muß." – Vederemo! – Für den Erzherzog Johann, dem meine treue Liebe bis zum letztem Athemzuge verbleibt, wie er auch wieder S. 142 in der Schwangauer Chronik ersehen mag, ist der Druck von Muchars Werk, eine wahre Ehrensache. – Wenn es anginge, möchte Ich ihn selbst darum beschwören! Ein solcher Schlußstein darf seinem ruhmwürdigen Gebäude nicht fehlen. – Die abschlägigie Antwort der Vormünder ist ein ganz gemeiner Streich und zugleich eine baare Dummheit – und das ist auch übler Wille, wenn das Ausland nicht vermag, solche Bestialitäten noch zu lobhudeln?? – die beiliegende Antwort an die unvergleichliche Gräfin Rothkirch sagt Alles, was Ich im ersten Augenblicke darüber zu sagen weiß. Stets war Ich des Verewigten hochachtungsvoller Freund – und schwerlich dürfte Mich Jemand übertreffen, wenigstens quantitativ, an den vielen, vorausgegangenen Freunden gesetzten Denkmalen, – uneigennützig, – denn Wer soll Mir bald dieselbe Pietät erweisen? – Welden und Muchar haben doch die Lebensbilder gelesen? Sie haben ein eigenthümliches Interesse für Beide. – Am 3.<ten> Octbr: lag in München auf dem Pulte des Buchhändlers Franz, fertig und geschlossen an Braumüller und Seidel das Paquet für Dich mit den Lebensbildern und mit der goldenen Chronik von Hohenschwangau, in welcher Du, Kraft der anliegenden, flüchtigen Übersicht, nicht wenige romantische Stoffe finden wirst. – Eine Viertelstunde nach Erhalt deiner Zeilen, schrieb Ich an Franz einen wüthenden Brief, wie Ich den Verstoß gar nicht begreife, da das Paquet auch in seiner Rechnung vorkömmt.

 
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Ich hoffe zu Gott, die Sauerei hat sich unter dessen aufgeklärt. Auch das historische Taschenbuch auf i843 muß dabei sein. Sonst ist die Sache am kürzesten abgethan, du lässest dir von Braumüller und Seidel auf der Stelle geben: die Schwangauer Chronik, die Lebensbilder, das Taschenbuch auf i843 für Rechnung des Münchner Buchhändlers Georg Franz, der solche mit Mir bereits ausgeglichen hat. Liegen sie nicht vorräthig bei Braumüller und Seidel, so darf er sie nur bei Gerold holen. Ich will es für immer so einrichten und kann in diesem Falle nur vermuthen: das Paquet sei auf der Mauth, durch Naderer-Hand sequestrirt worden?? das wäre um so einfältiger, als die Schwangauer Chronik, deren Reichthum dir vielleicht doch ein oder anderes Sonett entlockt, unglaublich genug erlaubt ist!?

Du mußt indessen durch deine Leipziger Verlagshandlung noch zwei Brieflein erhalten haben. Möchtest du doch einmal auf der Eisenbahn nach Dresden, Leipzig und Berlin auf Magdeburg kommen, der Dampf auf Hamburg, wo Ich dich erwarten und in Triumph nach Bremen führen, alldort die Stadt und alle Schiffe illuminiren wollte! Übrigens bin Ich niederträchtig genug zu wünschen, daß du alle Jahre nach Gastein kommen mußt. Du hast noch in München die Freundlichkeit gehabt, Mir eine Fortsetzung deiner herrlichen slavischen Balladen zu versprechen, die für Mich von ungeheurem Werthe sind und für das Taschenbuch gerade jetzt noch zu recht kämen. – Existirt denn kein solches Lied von Bamberg und dem Riesen Tagam? man erstaunt über den Reichthum romantischer Stoffe im Valvasor.

Du hast doch die historischen Taschenbücher jedes Jahr gesehen? – es liegt Mir daran es zu wissen, wegen der Poetisch historischen Anschauungen. – Wie weit jetzt die Naderer- und quasi Naderer- und Zitteraale-Speichelleckerei geht (eigentlich eine noch inferieurere Leckerei) geht, zeigte sich einigemale köstlich, nicht nur in dem anbefohlenen Auslassen des Fortenburger Formärzes in Collins: Kaiser Albrechts Fund, sondern auch, als jüngst in der Wiener Zeitung der Ambraßer Custos Bergmann giebt in der Wiener Zeitung mit großem Aufsehen, die vermeintliche Auffindung eines Grabsteines des Minnesängers Oswald von Wolkenstein in Brixen. Der ganze Aufsatz er-

 
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wähnt Meiner mit keiner Sylbe. Ich allein aber habe diese, höchst merkwürdige Figur Oswald von Wolkenstein entdeckt, sein Leben, seine Lieder, sein Bild herausgegeben in den Tyroler Almanachen 1802 und i803, im Taschenbuch auf i824, im Archiv i823 und jetzt in der Schwangauer Chronik! – Übrigens ist selbst der Grabstein nichts Neues, sondern vor 80 Jahren gedruckt in Rasch monumenta veteris ecclesiae brixinensis Seite i9 <Nro:> 97. Das sind Columbusse ganz eigener Art. Der Entdecker <Nro:> i ist ein gutes Schulmeisterlein in Brixen, Namens Rögel. – Ich achte sonst Bergmann, meinen Landsmann, Seidels Collegen, aber in diesen Dingen liegt doch etwas Erbärmliches und wenn sie das Abdrucken der Quellen aus Archiv und Bibliothek durch den, allerdings respectabeln Floreaner Joseph Chmel abrechnen, konnten sie, als Ich abging die historisch-critische Schenke zusperren, aber so unverschämten Abschreibern und Auszüglern öffnen, wie Mailath? Vermachten Sie denn nur eine ununterbrochene Continuation meiner Taschenbücher, meines Archives, denen meine Zähheit damals schon 20 Jahrgänge verschafft hatte und obwohl i829/1830 der geheime Polizeifond Geld dazu hergab, nur damit es nicht heiße: mit meinem Abgehen, sei Alles, was Ich gegründet, wieder über den Haufen gestürzt; aber die Nadererianische Standhaftigkeit bekam bald die Beutebrassersucht– in Ungarn und Böhmen geht das Studium im separatistischen Sinne fort, die alten Nationalsprachen und Nationalgeschichten spielen "Robert den Teufel", steigen des Nachts aus ihren Gräbern und schleppen lange blutige Leichentücher und Erinnerungen nach. – "Österreich und seine Zukunft", angeblich vom Grafen Leo Thun, hat auch im Norden großes Aufsehen erregt und in Hamburg bei Hoffmann und Campe in 6 Wochen die zweite Auflage erlebt. Der Verfasser ist im administrativen Kreise ganz wohl bewandert, aber weder Politiker, noch Historiker, sonst hätte er noch viel strenger lasiren und die Farben in noch dickerem Impast auftragen können. Die serbischen Geschichten könnten das Schlimmste herbeiführen, aber ein Kaiser Nikolaus ist keine wahre Größe, sondern nur Velleitæten! Er kehrt gewöhnlich um, wenn er noch sechs Schritte vom Ziel ist. – Wie oft hat sich der Pompejus miseria nostra magnus wiederholt?? Doch ist der Geist der russischen Oligarchie unsterblich, wie der Geist des Papstthums, vom Character des jeweiligen

 
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Kaisers völlig abgesehen. – Den armen Böhmen vermag man ja nicht einmal die Elbe zu öffnen, trotz Wiener Congreß- und Elbeacte. Ihr Getreide, ihre Glaswaren, Alles leidet. Die jetzt wieder in Dresden beisammensitzende Elbecommission ist ja eine wahre Satyre. – Wie sieht es an der Donaumündung aus? schlechter, als wie Trajan, Julius und die Constantina dort hauseten? und mit der Poprad, die Ungarn mit der Weichsel und mit der Ostsee verband, schlechter, als unter Ludwig dem Großen und Casimir <ungefähr> (1342/1382). Die Duldung der Eisenbahnen, zumal von Triest bis Prag und Dresden wird allerdings enorm in ihren Folgen sein und macht Mich oft herzlich lachen über die seligen Leute, die da glauben, sie dürfen nur den Hahn drehen, so rinne kein Tröpflein weiter, ja der Zeitenstrom drehe sich ganz pomadig von selbst zurück, – gleich dem Ungar, der in Doneschingen mit seinen Czismen die kleine Quelle zutrat, weise lächelnd: – werden sich jetzt in Wienerstadt nit übel wundern, wenn jetzt Donau so lang ausbleibt? es war derselbe, dem man in London die Themse zeigte: – kenne Ich schon gar lang. Js das große Wasser, heißt man's bei Uns: Donau. – Das sei etwa kein rostiger, schlechter Witz über die Ungarn, die gescheit genug sind, sondern über gewisse Taschen-Providenzen! – Solltest du etwa dem dicken Sir John, den Erfinder des Schmarotzerthums sehen, so könntest Du ihm doch Deine Verwunderung bezeugen, daß die gute Gräfinn Münster sich nicht das große Verdienst um die Historie erwarb, die zwei verdächtigen Princen in ihrer wahren und vollständigen Gestalt zu ediren? – Es ist aber wegen der längst bereiten Reserve, die nur wartet, um sich wahrhaft als grobes Geschütz zu zeigen, bis dahin aber [durchgestrichen: wartet und] schweigt.

Der anmuthreichen Frau Gräfinn Unsere treueste Huldigung und Dir und Deinem Hause die innigsten Segenswünsche. – In sehnlicher Erwartung eines baldigen Lebenszeichens, in den alten, unwandelbaren Gesinnungen:

Dein alter Verehrer
Hormayr

 
     
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