Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Bremen, am 1. November 1842
 
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Bremen am i.<ten> Novbr:1842.

Die Münchner Buchhandlung Georg Franz muß Dir nun längst nach meinem Auftrag, durch die angedeutete Wiener Buchhandlung zugesendet haben 1. die Lebensbilder, die es wohl werth sind, noch einmal, von Anfang bis zum Ende von Dir durchgeschlürft zu werden, – 2. das historische Taschenbuch auf i843, aus dem Ich Chasteler und Veyder Dir schon in München zu Füßen legte. – 3. Die goldene Chronik von Hohenschwangau, – nebenbei eine Ankündigung derselben, als Wegweiser durch einen solchen Hexenwald von Namen, Jahrzahlen und Saiten. Meine alten Lieblinge, der letzte Ritter, der Ambrasser Ferdinand, Friedrich mit der leeren Tasche wirst Du abermal reich bedacht finden, auch ein üppiges Füllhorn von andern romantischen Zügen. – Es würde Mich über allen Ausdruck glücklich machen und auch den Kronprinzen über die Maaßen erfreuen, wenn das Taschenbuch so glücklich wäre, vom großen Dichter des letzten Ritters ein klein Gedicht zu erhalten über den letzten Ritter auf Schwangau, oder Füssen, wo seiner glänzenden und lieblichen Momente wahrhaftig nicht weniger sind! – Vergiß auch nicht, daß Du Mir Slavica versprochen hast und daß die Krainerischen Heldenlieder und Sagen in Wahrheit den Sarvischen wenig nachstehen.

Unvergeßlich bleiben Mir der 10.ii und i2. Juli mit dem unverhofften Glück Dich noch einmal zu sehen und zwar mit Deiner edlen, höchst anmuthigen Gemahlinn! – Der Rückblick in die Vergangenheit war so erfreulich, als die Gegenwart. – Ich bin nun auch den Norden über alle Maßen satt. – Außer Dir, sah Ich noch am ii<ten> Juni in Augsburg, den dicken Sir John, als Wittwe Sagan und am i.<ten> Septbr: in München, den Erzbischof Pyrker, ruhmlechzend, so weit seine deutsche Zunge reicht. – Es fehlte nur, daß Ich in Regensburg dem Erzherzog Johann begegnet hätte (Lebensbilder

 
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II. 450. 452.). Du könntest ihn wohl nachstehende Daten zur Kenntniß bringen.

So oft Ich über Cassel reise, besuche Ich immer das Grab Johannes Müllers, i832, i835 und jetzt am ii. <ten> Octbr: i842; vorzüglich auch, weil ein ganz und gar falsches Gerücht sogar die Identität derselben bestritt, weil in der Cholerazeit Alles durcheinander gewühlt worden sei! Ich sah bei dieser Gelegenheit meine alten bekannten, den Geschichtschreiber Hessens, geheimen Regierungsdirector Rommel, Archivar Landau, Bibliothekar Bernhardi. Sie waren meine Begleiter zu jenem Grabe. Da erfuhr Ich zwei merkwürdige Thatsachen, beweisend, wie wenig Johannes Müller ein bonapartischer Söldling, oder ein Franzosenknecht gewesen sei: – a. der jetzt in Düsseldorf lebende Generallieutenant von Dörenberg, des Meisters, Grafen Münster vielgeliebter Neffe, edirt jetzt, aufgemuntert und aufgefordert durch meine Lebensbilder, seine eigenen Memoires, welche die merkwürdige Thatsache enthalten, daß Johannes Müller zwar keineswegs ein thätiges Werkzeug, aber wohl ein Mitwisser der Plane von Schill, Dörenberg, Katt, Hirschfeld, Krosigk <pp> gewesen sei, nützliche Winke und Warnungen enthielt und das Geheimniß mit sich ins Grab genommen habe, – b. Der Leibarzt, Geheimerath Harnier betheuert das Letzte, was der scheidende Johannes Müller (<gest.> 29.<ten> Mai i809) mit vollem Bewußtsein vernommen, sei die Kunde der Marchfeldsschlacht von Aspern gewesen. Er habe sie mit Entzücken, mit aufgehobenen Händen und mit Gebet erwiedert, sei aber bald darauf in den Schlummer und das Schluchzen verfallen, das ihm bis zum letzten Athemzuge nicht mehr verließ, – c. noch lebt in Cassel die Witwe seines musterhaften, bis in den Tod getreuen Dieners Michael Fuchs, den der Erzherzog gar wohl kannte. Sie bestätigt manche übereinstimmende Umstände, die Ich Kund zu geben, gewiß nicht ermangele.

 
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– Johannes Müllers Andenken ist Mir auch darum heilig, weil er meine persönliche Bekanntschaft des Erzherzogs am 2i.<ten> Septbr. i80i erneuerte und knüpfte. Gesehen hatte Ich den Erzherzog zum erstenmale am 7.<ten>Septbr. i80i mit den Generalen Lauer und Hiller vor der Kirche zu Seefeld, von Chasteler aus der Scharnitz abgeschickt, den geliebten Fürsten zu complimentiren.

Daß Johannes Müller auf die Helden von Ulm, Austerlitz, von Jena alles Zutrauen verloren hatte, können ihm nur Thoren verargen. – Du wirst schon eine schickliche Gelegenheit finden, diese Notizen zu des Erzherzogs Kenntniß zu bringen. – Ich würde tagelang auf der Gasse oder Heerstraße geweilt haben, ihn in diesem Leben noch einmal zu sehen, hätte dieses nicht die Ungewißheit seiner Reiseroute und die Plötzlichkeit seines Erscheinens unmöglich gemacht. – Erzbischof Pyrker sagte Mir in München seine Ankunft in Regensburg. – Was empfand Ich, als Ich vom Grundsteine des Ferdinandeums in Innsbruck vom Erzherzog, von meinem Freunde, den einweisenden Prälaten von Stams Aloys Schnitzer las! – Vergebe der Himmel den zwei Menschen, die durch unausgesetzte Verfolgung durch i5 Jahre i819/1828 Mich vertrieben haben. Wäre der Kaiser Franz i828 gestorben, so wäre Ich noch dort. Indesen ist manche Wahrheit an den Tag gekommen, die sonst auf ewig begraben und der Geschichte verloren wäre.

Fändest Du wohl Gelegenheit, Mich in das freundliche Andenken meines biederen und gelehrten Landmannes Muchar zurückzurufen? – Wie oft denke ich an Welden, eine der edelsten Zierden des österreichischen Heeres? – Mit Rothkirch war Ich seit i804 verbunden, wir waren die Stifter des freundlichen Kreises von Carolina Pichler, wovon jetzt Türkheim allein noch übrig ist, mit dem Obersterlandvorschneider und Ritter von 37 Orden –

 
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Hammer-Purgstall, dessen Großvater Krautgärtner in Belvedere war, aber freilich über das Kraut Eugens! und zu welchem Haschka, Vierthaler, die beiden Collins, Streikfuß, Pyrker gehörten und der österreichische Historiograph vom Feldwebel abwärts, der lächerliche Pedant und patriotische Erzlügner Ridler und der poetisch-historische Schimpfer Mailath, der Ritter voll peur und voll reproche aus- und eingingen. Der dicke Sir John blieb bald aus, es gab nichts zu schmarotzen und die dortigen Weiber brauchten all ihr Geld in die Wirtschaft.

Meine Frau, eine alte Anbeterinn von Anastasius Grün, thut mit Mir, die innigsten und verehrungsvollsten Segenswünsche für die Frau Gräfinn und für Dich.

Jeder Tag, wo Ich Nachricht von dir erhalte, von Deinem Wohlergehen, von Deinen Schöpfungen, wird Mir ein theurer Festtag sein.

Ich umarme Dich tausendmal in der alten, unveränderlichen Gesinnung, treuester Ergebenheit

Dein ewig und ganz
eigenster Hormayr

 
     
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