Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Bremen, am 27. Mai 1839
 
  Seite 1 Zum Scann
 

Bremen am 27.<ten> Mai 1839.

So bedeutend auch immer noch die Kluft zwischen dem deutschen Norden und Süden ist und leider von mancher Seite wieder neu aufgerissen wird, ist dennoch Anastasius Grün ein, allen Deutschen zu theurer, ein zu berühmter Name, als daß das Gerücht von der nahen Vermählung mit einer Gräfinn Attems nicht bis hierher gedrungen wäre. – Was läßt sich hierüber entgegnen, als die innigsten Wünsche des Herzens und Segnungen der freulichsten Theilnahme. – War ihre Großmutter nicht die Wittwe, Gräfin Saurau und ihr Oheim, mein auf dem großen leipziger Ehrenbett umgekommener Freund Chorinsky? – Diese Fixirung wird und muß allerdings auf deinen Geist, auf dein Wirken auf deine ganze Zukunft entscheidenden Einfluß üben, – Gott gebe, den Besten. – Leider scheint sich unser dicker Freund immer mehr zum veredelten Falstaff auszuwachsen und sich den eigenen Todtenkranz bereits gewunden zu haben. – Hammer erging es wie den Frosch, der sich durchaus zum Stier aufblähen wollte, schade um die anima candida und um sein großes Verdienst, – Pyrkern hat der Schneider auf den letzten Pelz den Zettel hinten vergessen: – "des Großen Cars V. und Rudolphs größerer Dichter." Den Zettel lesen nun alle Leute und sagen: schaut, schaut da geht er, der große Mann blas und leidend unter dem Kreuz seiner eigenen Berühmtheit. – Grillparzer trocknet zusehends ein. Von dem alten Schornsteinfegerjungen Castelli, Vogel, Seidel spricht man nicht mehr, so erübrigen freilich nur die Anastasianischen Menmons-Klänge.
 
  Seite 2 Zum Scann
 

Mit den Memoires aus meinem Leben (1796–1816) die wohl erst nach meinem Tod erscheinen, bin ich so ziemlich fertig. – Allen Geist, alle Wärme deren ich noch fähig bin, wende ich an mein: Oesterreich unter den Babenbergern, wovon das Archiv schon 1827–1828 Urkunden und Proben gab. – Gerne möchte ich die Vollendung erleben, – ich liebe diesen Heldenstamm und bin darin wohl so gut zu Hause, wie Keiner. Meine Stärke ist überhaupt die Zeit des Kampfes mit Rom, – die salischen Hinriche und die staufischen Friedriche.

Ungeheuer viel steckt in den Noten zu meinen akademischen Gedächtnißreden, mancher gute, poetisch verschneidbare Caneras im Luitpold, in dem Bayern in Morgenland. – Hatten die Pfaffen mich in München gelassen, so wären jetzt schon ein dutzend Reden da und Niemand wird in Abrede stellen, daß jede Rede ein Buch zu heißen verdiene.

Die historischen Taschenbücher endigen wohl erst mit meinem Leben? Du siehst sie wohl ununterbrochen? möchten sie doch nie einiger Zeilen von dir entbehren, als ihres Stolzes und ihres edelsten Schmuckes. – Ist für diesen schon im eifrigen Drucke begriffenen Jahrgang von dir gar nichts mehr zu hoffen?

Wie ist es denn mit Otto dem Freudigen? – oder Friedrich mit der leeren Tasche?? Ein würdiges Gegenstück muß der letzte Ritter doch haben, so wenig es die Leute auch um dich verdienen mögen, unend-
 
  Seite 3 Zum Scann
 

lich begierig bin ich auf welchen geschichtlichen Stoff deine mehrhaft großartige Auffassung sich wendet?

Hätte ich diesen Winter noch in Hannover bleiben und des Königs Gesicht fortan betrachten müssen, der tic douloureux, oder der unnennbare Westenriedersche Gesichtsschmerz hätte mir nicht ausbleiben können? – welches Loos für das ruhigste, wohlhabendste, rechtlichste deutsche Land, – ein stockblinder Kronprinz, der nicht weiß unterlegt man ihm eine Schenkung oder ein Todesurtheil, – diese einst so graziöse als wohlthätige Königinn, von welcher Georg IV zu sagen pflegte: "ma chère soeur donne à présent au bon dieu les beaux restes du diable" – und vollends dieser König, eine Quadrille mit Don Miguel, Don Carlos und dem Herrn Vetter, Carl von Braunschweig, – im Parlamente gewöhnlich nur genannt: "the great liar" und nebenher von Brougham, Oconel, und Andere: – "murderer, incestuos, falsifier, – by birth only illustrious."

Hamburg, Bremen und Lübeck sind ein ganz anderer freier Boden und interessanter Wirkungskreis, wo sich ungemein viel wirken läßt, für die materiellen Interessen. – Keine Sakristei, keine Antichambre, keine Hochtorys.
Meine Frau, – die allerleidenschaftlichste Anbeterinn von Schutt, grüßt dich aufs innigste. – Erfreue Uns bald mit ein paar Zeilen. Tausendmal mit der alten, hochachtungsvollen Anhänglichkeit, umarmt dich
Dein alter Verehrer
Hormayr

 
     
  Zur Brieftabelle von Hormayr Zurück zu Anastasius Grün Zurück zu den Projekten