Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Hannover, am 17. August 1838
 
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Hannover am 17<ten> August 1838.
Natürlich, mein theurer, unvergeßlicher Freund, ist mir jeder Tag ein Fest, der mir wieder ein Lebenszeichen von Dir bringt, dessen Geist und Richtung schwerlich irgend Jemand besser zu schätzen weiß als ich: eine Ansicht und ein Gefühl, endlich und warm getheilt von meiner Frau und von meiner Tochter, Fanny Kress, der österreichischen Gesandtin in Hamburg. – Wie schön wäre es, wenn Du einen Ausflug über Prag, Dresden und Leipzig, nach Braunschweig und Hannover machtest, – wir gingen dann zusammen nach Bremen und Hamburg, und würden Dich in meinem eigenen und in meiner Tochter Haus recht mit vollen, durstigen Zügen genießen.

Unendlich freut mich, daß Du die Serie meiner historischen Taschenbücher vollständig besitzest, 1821 ist nicht so selten als 1820, beide enthalten manch Seltenes und Schönes, man muß nur bei Antiquaren Commission geben. – Das auf 1839 ist schon fast ausgedruckt. Du wirst darin sehr vieles, Dir Willkommenes finden.

Deine krainerischen Volkslieder eröffnen den neuen Jahrgang, sind also längst abgedruckt. – Ich gestehe, daß ich bei dem Balladen-Cyklus von den Türkenschreckern Auersperg unmöglich ein Selbstlob, ja nicht einmal einen Cicero pro domo sua finden kann? Wird die Sorgfalt für die ceras [durchgestrichen: und] et imagines majorum nicht noch heute gepriesen und mit hohem Recht? – Dichtetest Du mir Etwas über den Kampf des Lamberg mit dem Heidenritter Pagam? Die Verwandtschaft der krainerischen Volkslieder mit den serbischen, (vielleicht auch dalmatinischen?) legt ihnen hohes Interesse bei. – Allerdings ist jener Mathias, der Corvin, der über den elenden Friedrich IV. auch Krain, Steyer und Kärnthen gewann und zu Wien starb, Er, dem die Scherfenberge, Stubenberge, Gießenecker und der mit österreichischem Dank (gleich Katzianer, Martinuzzi, Wallenstein p.) bezahlte Baumkircher, Bundesfreunde waren??
 
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Ein einziger flüchtiger Blick in Valvasor reicht hin, zu erproben, daß Krain "ein rechtes Land der Sage" sei. – Gurkfeld erscheint in meinen Urkunden öfters als an Salzburg verpfändetes Eigenthum der Grafen von Bogen, späterhin der Herzoge von Croatien, Dalmatien und Meran, Pfalzgrafen in Burgund und Ostfranken aus dem Haus Andechs. – Der Münchner Buchhändler Georg Franz, (weiland Frankh) schickt Dir ehestens meine: "kleinen historischen Schriften und akademischen Gedächtnißreden". – In den letzteren machen die Noten die Hauptsache und einen Schatz neuer Entdeckungen zu österreichs Geschichten, von der Völkerwanderung bis ans Ende des großen Zwischenreiches durch Rudolph von Habsburg. – Aber auch sonst dürfte Dir manches behagen, zumal über die Kreuzzüge in der jüngsten Rede: – "die Bayern im Morgenland."

Fürst Lichnowsky, dem es übrigens an Geist, an Geschmack und Evudition nicht fehlt, ist doch im Brockhausischen Conversationsblatt etwas schmählich der Falschmünzerei überwiesen worden. – Den neueren Bänden wird wohl ehestens auch derselbe Liebesdienst erwiesen. Wie ekelhaft affichirend. das altjesuitische: omnia ad majorem dei gloriam auf dem Titel? und der Sohn, ein Wortkämpfer der Legitimität, für den Erstgebornen des Friedensfürsten Godoy, Don Carlos.

Wir kennen alle die vielen vortrefflichen Eigenschaften und die ungeheure Gelehrsamkeit Hammers. Aber daß Er, dessen Großvater Krautgärtner war, (bei Eugen im Belvedere, worüber er selber den Lehrbrief hat drucken lassen), jetzt in allem Ernst glaubt, ein Purgstall und ein Berneck und ein Sprößling der steyerischen Ottokare zu sein und sich so viel zu Gute thut auf den Obristerblandvorschneider und deswegen eine Huldigung
 
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in Gratz durchtreiben will, um dabei den Braten zu zerlegen, das könnte Einem den Lachkrampf und den Veitstanz zuziehen. – Ander[durchgestrichen: e]rseits aber soll denn die Regierung selber falschmünzen? Ist das Achtung für die Aristokratie? Kann man bei einer solchen venia ætatis nicht auch noch alte Weiber für jung erklären? – Sonst hieß nur Savoyen Dragoner ewig so, jetzt auch des buchstäblich im Schlafe singenden Schwarzenberg Uhlanen! – Der Orientalismus avancirt [ergänzt: wie] vom Major zum Obristlieutenant, eben so auch vom Schwarzenberg zum Eugen – und das ist die ernsthafte Rückseite des Spaßes.

Da Du alle meine Taschenbücher hast, kennst Du hinlänglich auch Hohenschwangau, diese, mit jedem Schmuck der Alpenidylle, mir mit den größten historischen Erinnerungen reich geschmückte Schöpfung des geist- und gemüth-vollen Kronprinzen Maximilian von Bayern? – Ich lenkte seinen Blick auf die herrliche Burg, die eben auf Abbruch verkauft werden sollte, als ich ihn im Winter 1828/29 in der Historie und in den schönen Wissenschaften unterrichtete und eine eigene Vorlesung: "über die Nationalität der Kunst" hielt. – Es würde den liebenswürdigen Fürsten unendlich schmeicheln, wenn Dein Genius eine von den vielen, in den Taschenbüchern reichlich dargebotenen poetischen Saiten Hohenschwangaus auswählen und mit goldenem Fittich, wie Du pflegst, beschwingen würdest! – Auch mir machtest Du dadurch eine außerordentliche Freude. – Kennst Du denn meine heimathlichen, tyrolischen Berge, wie Du solltest? – Sahest vielleicht schon Hohenschwangau selber? Kennst Du Tomblesons Ansichten von Tyrol, mit den schönen englischen Stahlstichen und mit meinem (in Wien natürlich höchst mißfälligen) Texte dazu, gewiß dem Besten, was bis jetzt über Tyrol existirt, wo jetzt eben wieder in Innsbruck die solenne duperie vorging??
 
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Den Oswald von Wolkenstein, des Taschenbuches auf 1824, (Seite 334–370) kennst Du wohl? und in diesem die Abenteuer des vom Constanzer Concilium gebannten, von seinem Feinde, Sigismund von Luxemburg, Ungarns und Böhmens Könige geächteten Friedrich von Tyrol mit der leeren Tasche? über den ich 1805 ein Stück geschrieben, was auf dem Burgtheater Aufsehen machte. Herrliche Züge hat auch mein, in allen Bibliotheken vorfindiges Archiv, Jahrgang 1827, Nro: 49, vom April, 95 vom August und 131 vom October. Dort findest Du auch das (in meinem Drama einen Actschluß und Knallefect bildende) Reimspiel Friedrichs zu Landeck, wie seine Asyln, den Rafner-Hof in der Eis- und Schneewelt des Oetzthales, die Hunds-Mühle, den Pfarrhof zu Flauerlingen, unser lieben Frauen Kirche zu Wiltau, das goldene Dachel zu Innsbruck, den Bauernhof Finnil in der schauderlichen Wildniß des Schnalser-Thales, wo Friedrich eine Weile, desto unerkannter zu bleiben, die Schafe gehütet und die schöne Hirtin mit Freuden den Tod für ihn genommen hat und wo der Hofesbauer, der riesenstarke Vorchhner den nicht mehr genugsam sicheren Friedrich über das Schnalser Jöchel herübergetragen und zu dem in Noth und Tod getreuen Müller Caspar Hendel, (dem Ahnherrn der tyrolischen Grafen Hendel) in die Hendelmühle, ohnferne Meran und des Hauptschlosses Tyrol brachte. – Noch zeigt man zu Finnil Löffel, Messer und Gabel des herzoglichen Schäfers und den von ihm verehrten Silberbecher mit goldenem Reifen und der Wappenbrief der Vorchhner verschwand erst vor wenigen Jahren um der silbernen Kapsel willen. – Des Grafen Clemens Brandis Geschichte dieses Friedrich ist zwar höchst prosaisch, aber urkundlich getreu. – Viel Romantisches hat auch mein Taschenbuch auf 1821, in der Ahnentafel der Müllinen. Dort bildete Schnorr auch das berühmte Votivgemälde von Wiltau ab, Friedrichs und Müllinens, seines Freundes.

 
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2.
Friedrich war in Habsburgs Stamm eben so ein Fremdling, wie in den darauf vaccirirten Lorraines oder vielmehr Vaudemonts, Joseph II., denn die Schule des Unglücks war an ihm nicht verloren, denn Er ging mit der Zeit gleichen Schrittes vorwärts, denn Er gehörte nicht zu der unglückseligen Clique, die nichts  vergessen und auch nichts gelernt hat, sonst wären damals die Tyroler alle, – "Appenzeller" geworden, – wie es sprichwörtlich durch das Volk ging.

Des halbverrückten und endlich von den sämmtlichen Erzherzogen abgesetzten Rudolphs II. Alchymisten, Astrologen und Magier, Dee, Brahe, Halzschuhe, Tannhäuser verschwendeten große Summen und viele Jahre darauf, eine wunderschöne Mumie wieder ins Leben zu rufen: – ein jetzt gar verschiedentlich, mittelalterlich, wiederholtes, rein unsinniges Experiment.

Der gute Hammer träumt jetzt Tag und Nacht von einer Akademie der Wissenschaften in Wien, als Universaldinktur und arcanum duplicatum, – was soll das helfen, wo man wohl weiß, was das für eine Philosophie, Theologie, Politik und Historie ist, die man dort dulden oder brauchen kann?? – was für eine dürftige fable convenue?? wo nur die sciences exactes tolerirt und selbst in der Medizin noch dogmatisirt wird?? Wie lange dauert es und die Jesuiten kommen wieder – und zwar wieder nur die Mumien der alten Jesuiten, die in ihrem ersten Jahrhundert eine grandiose Erscheinung waren. – Meine Arkaden haben 1829 hierüber Dinge gesagt, über die ich jetzt selber erstaune, die Du aber im Taschenbuch eben so bestimmt wiederfindest, denn ich habe nie den Mantel nach dem Winde gehängt, wenn ich auch Enthusiast für Oesterreich war, inmitten einer 13jährigen Verfolgung und Neckerei. Es war doch wenigstens erlaubt, nach solchen Lehren und Gottesgerichten wie 1805–1815 an Erkenntniß und redlichen Willen
 
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– an Verminderung der Lasten und an irgend welche segensreiche Früchte eines vollen Vierteljahrhunderts ungetrübten Friedens zu glauben??

Du hast also nach Deiner Heimkehr aus England und Frankreich mit dem Fürsten Metternich gesprochen? Schreibe mir doch, in welchen terminis?? Uebrigens ist dort Alles Glasur und Dressur, lieux communes und proverbes.

Wie ist es denn mit Deinem Otto dem fröhlichen und seinem Pfaffen von Kalenberg und Neidhart Fuchs?

Wie bist Du denn mit unserem Verleger Reimer zufrieden? – in vieler Rücksicht ein ausgezeichneter, liebenswürdiger Mann, aber man hält ihn daneben für einen langsamen und äußerst zähen Zahler – und für kleinlich knauserick, selbst gegen seinen eigenen, höheren Vortheil??

Hörst Du nie Etwas von dem Historiker Albert Muchar aus Admont, der, wie ich glaube, viel zu leiden hat vom Bischof Zängerle, wie seine ganze, durch viele verdienstreiche Individuen höchst achtungswerthe Communität?

Schreibe mir ja bald wieder – oder was noch besser ist – mache doch einen recht festen Vorsatz, den deutschen Nordwest ehestens zu besuchen und von uns das so nahe Holland – und dann den Rhein hinunter bis Mainz und entweder über Mannheim und Heidelberg, oder über Darmstadt, Aschaffenburg, Würzburg, Anspach, Nürnberg und entweder über Augsburg oder Regensburg, über das jedes Jahr wieder neue München, über Lindau am Bodensee, Hohenschwangau, Innsbruck, Salzburg und Villach nach Hause.

Aus ganzem Herzen und mit den innigsten Segenswünschen umarmt Dich tausendmal

ewig Dein alterFreund
und Anbeter Hormayr
 
     
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