Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Hannover, am 23. Juni 1838
 
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Hannover am 23<ten>. Juni 1838.

Seit Deiner Rückkehr aus Paris, unvergeßlicher, theurer Freund, hat mir das Herz gebrannt, Dir zu schreiben, mich um Dein Befinden, um Deine literarischen Plane, um die Arbeiten des Augenblicks zu erkundigen. – Enthusiastischere Verehrerinnen Deiner herrlichen Muse athmen nicht auf Erden, als meine Frau, Maria, oder meine Tochter, Baronin Fanny Kress, österreichische Gesandtin in Hamburg. – Uebrigens muß ich dem deutschen Norden die verdiente Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß Dein Namen dort wahrhaft hochstehe und die Begeisterung für Deine neuesten Sachen seit der Braunthalischen Geschichte nur gestiegen sei, welche die Anstifter derselben mit einer Schmach überschüttete, die von einem Ende Deutschlands zum andern, ausgelassenen Jubel hervorrief.

Das historische Taschenbuch auf 1839 beginnt mit den fünf herrlichen Volksliedern aus Krain. – Möchtest Du nur auch noch irgend eine kleinste Kleinigkeit zum Schlusse haben? Es wäre mein höchster und liebster Ehrgeitz. – Sahest Du [durchgestrichen: 1 Wort] regelmäßig diese Taschenbücher, Jahr für Jahr? Die Materialien sind doch interessant und wären freilich nie ans Tageslicht gekommen, hätten mich nicht Deine nachmaligen hohen Gönner aus Oesterreich vertrieben, wo ich 3i Jahre, gewiß nicht ohne Frucht gedient, und [ausradiert: m] eine 13jährige Verfolgung und Neckerei ausgehalten hätte. – Wäre der Kaiser Franz früher gestorben, ich wäre noch dort, aber ihm ins Gesicht konnten gewisse Leute nicht sich selber Lügen strafen und zurücknehmen, was ihnen 1813 als so willkommene Mystification gedient hatte.

Meine "historischen Fresken in den Arkaden des Münchner Hofgartens", meine "kleinen historischen Schriften und akademischen Gedächtnißreden" enthalten für Deine Richtung viel Interessantes. Solltest Du sie nicht haben, so sende ich sie Dir durch den Buchhändler Franz
 
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in München. – Der Tollkopf Frankh nimmt ein sauberes Ende. – Ich habe es ihm aber noch im Winter 1830 in München treulich vorausgesagt.

Wo sind Deine Mutter, Deine beiden Schwestern? – Erwahrt und verwirklichet sich, was Du jüngst andeutetest über eine Vermählung Deiner eigenen hohen Person? – und was ist überhaupt Dein Tagewerk in Thurn am Hart? Zählt selbes oder das (einst den Grafen von Bogen und den in Bayern, Franken, Tyrol, Burgund, Carentanien und an den adriatischen Küsten gewaltigen Herzogen von Andechs-Meran angehörige) [L gebessert in G] Gurkfeld, bedeutsame, mittelalterliche Ueberreste?

Ein Balladen-Cyklus von den Türkenschreckern Auersperg sollte doch auch einmal an die Reihe kommen: – überhaupt wäre dieses die schönste dichterische Begleitung der Genealogien und gewiß hat das Taschenbuch dazu mehrfachen, schönen Anklang gegeben.

Durch die Leipziger Freunde erhalte ich Alles sicher von Dir. Drucken sie in diesem Augenblick Etwas von Reiner, (in der deutschen Lyrik dermalen als die erste anerkannten) Feder? – Hörst Du etwas von Zedlitz, Grillparzer und Seidl? – Am 28<ten>. Juli 1798 schloß sich der Freundschaftsbund zwischen mir und Hammer, in meiner Vaterstadt Innsbruck. Künftiges Monat wird es 40 Jahre. Du kennst mich gewiß als vorurtheilsfrei gegen Pfaffen- und Junkerthum, aber komisch ist mir doch, daß Hammer solche Freude hat am Tombak und Similor des Purgstallischen Namens und Wappens und am Erblandvorschneider?? Diese umgekehrte venia ætatis, älter zu werden, statt daß die Weiber immer jünger werden möchten, hat für Mich (als unhistorisch) etwas deliciös Lächerliches. – Schönern Stoff findest Du doch nicht, als meinen tyrolischen Friedrich mit der leeren Tasche, nirgend so herrliche Incidentien, Arabesken, Episoden und Charactern, Doch darüber einen eigenen, langen Brief. – Baldige Antwort ersehnend, umarmt Dich tausendmal:

Dein alter Freund
Hormayer

 
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Dem hochgebornen Herrn
Anton Alexander Grafen v Auersperg
zu
[Rundstempel: "HANNOVER. 22/6"]
Thurn am Hart
in Krain.
pr. Salzburg
Cilly
[Siegel]

 
     
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