Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Hannover, am 8. August 1837
 
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Hannover am 8ten Aug. 1837.

Es ist mir unmöglich die Freude mit Worten auszudrücken, welche Deine theuren Zeilen vom 23<ten>. Juli mir verursacht haben, als ein langersehntes Zeichen Deines Andenkens, aus welchem ich mich, nicht ohne Schmerz verschwunden und gelöscht erachtete, und auf dessen wohlwollende Fortdauer ich stolz bin. – Die fünf Volkslieder aus Krain sind für das historische Taschenbuch eine unschätzbare Gabe und allsogleich in die Reimer'sche Druckerei nach Grimma gewandert. Du giebst mir gewiß Recht, daß ich diese bereits 1802 mit den Tyroler Almanachen begonnen und 1804 durch Johannes Müller gewürdigte Sammlung nicht fallen lasse und jedes Jahr neue, tüchtig kneipende Schröpftöpfe für die Wiener Obscuranten, Absolutisten und Legitimisten darin anbringe. Daß ein scharfer Verbot darauf ruht, ist natürlich, sind ja sogar Raumens äußerst zahme Hohenstauffen, die aus der Hand fressen, erga schedam?? Was ist das für eine Philosophie, Theologie, Politik und Historie, welche diese Leute dulden oder brauchen können?? Man möchte weinen um das anlagenreiche, grundbiedere Volk! – Du schreibst mir gar nichts, wie es mit Otto dem fröhlichen steht und mit dem Pfaffen vom Calenberge? oder welche andere, größere Arbeit Dich beschäftiget? – Dein Portrait hängt 3–4 mal in unsern Zimmern und vom Schutt existieren 5–6 Exemplare,
 
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die ich den Leuten auf die Brust setze und womit meine Frau Marie, (die Du, wenn ich nicht irre, im September 1830 zu München, zugleich mit den Salms sahest, [durchgestrichen: 1 Wort] die ältere Tochter des berühmten Agronomen und Kunstkenners, Baron von Speck-Sternberg in Leipzig) im eigentlichsten Sinn hausiren geht, denn eine enthusiastischere Verehrerin, Deiner Muse ist unter dem Monde nicht zu finden. – Gleich nach ihr aber kömmt hierin meine Tochter, Baronin Fanny Kress, Frau des österreichischen Ministers in Hamburg, die Du aus Wien und München kennst.

Wegen Deiner Reise mache ich Dir einen sehr vernünftigen Vorschlag. Du gehst auf den 16.ten September zu einem Zusammenflusse vieler erlauchter Namen, zur Göttinger Sakularfeyer, bei welcher ich als Abgeordneter des Königs von Bayern zu erscheinen Befehl habe. Von dort ich Dich in meinem Wagen mit nach Hannover, wo Du meiner Frau ein Paar Tage schenken mußt, – von dort nach Hamburg, zu meiner Tochter Kress, wohin ich Dich vielleicht begleite, – von Hamburg mit dem Dampfboot nach London, – von dort herüber nach Calais, Brüssel und Paris. – Eine schönere Reise läßt sich nicht denken.

Mit Hammer, Zedlitz und Grillparzer bist Du wohl noch in den alten, schönen Verhältnissen aus-
 
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gezeichneter, gleichgestimmter Geister? – Schade, daß die herrlichen Talente im Springeisen gehen müssen, daß namentlich Grillparzer seinen Cyklus historischer Dramen von Albrecht I. bis einschließlich des tragischen Endes Rudolphs II. niemals an den Tag bringen kann.

Du kennst doch die Folgereihe meiner historischen Taschenbücher ununterbrochen? Deine herrliche Auffassungsgabe findet gewiß reichen Stoff darin. – Auch am Rhein, auch auf dem Harz, dämmert eine poetische Sagenwelt, doch nirgend so reich als im Süden, von der ungarischen und croatischen Gränze bis an den Bodensee und bis zu Schafhäuser Rheinsturz, von den Hochalpen bis an den Thüringerwald.

Möchtest Du doch Friedrichen mit der leeren Tasche von Tyrol zum Suget küren. [ergänzt: Bei?, verbessert: K in k] keinem Fürsten findet sich eine solche Masse der schönsten, dramatischen, lyrischen und malerischen Stoffe beisammen. Ich darf wohl sagen, – ich habe ihn neu entdeckt. – Du kennst doch das quellengemäße Werk des Grafen Clemens Brandis über ihn, hauptsächlich aus meinen vieljährigen Forschungen gezogen? – Ungemein viel über ihn ist auch zerstreut in meinen Taschenbüchern und im Archiv.
 
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Oswald von Wolkenstein, Heinrich von Rottenburg, Bischof Georg von Trient, ein Lichtenstein, – Kaiser Sigmund, Caspar Schlick, Aeneas Sylvius, der Vetter Albrecht in Wien, der Bruder Ernst der eiserne, welche Episoden?!

[Mit eigener Hand:]
Allen Segen der Himmel über Dich! – Lass bald Etwas von Dir vernehmen. – Zu aller Zeit und Ewigkeit:

Dein treuer Bruder
und Verehrer Hormayr

Was machen denn Seidel, Leitner, Castelli?
 
     
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