Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Hannover, am 8. September 1833
 
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Hannover am 8 <ten> Sept 1833

Du ka_nst gar nicht glauben, lieber Freund, wie innig es mich erfreute, wieder einmal ein Lebenszeichen von Dir zu erhalten, dem ich alles Liebe und Gute auf Erden von ganzer Seele wünsche und dessen Geist und Herz die größten Ansprüche darauf haben. – Zuerst zur Beantwortung Deiner Frage über Otto, den Freudigen. – All und Jedes, was man von ihm weiß, findest Du in meines lieben, obgleich unerträglich prosaischen Freundes, des Chorherrn Kurz von St. Florian getrockneten Geschichten Oesterreichs unter Friedrich dem Schönen und Albrecht, dem Lahmen. – Wenig, aber doch poetisch aufgefaßt ist in meiner Geschichte Wiens I Jahrgang III Bd 1 und 2tes Heft, – von Albrecht I bis auf den Tod Rudolphs IV und N<o> ii in den Amerkungen über die Hofnarren, über das Mayfest und über das Veilchenfest, – dann II Jahrg. II Bd. 1<tes> Heft S. 12 bei den Augustinern in Wien und I<ter> Bd ebendieses II Jahrgangs 3<tes> Heft S. 19 und vorzüglich 25 über die Ritter von St. Georg und die Templojer. – Dein Genius wird überhaupt die poetischen Funken schnell herausschlagen, wenn Du nur eine starke halbe Stunde darauf verwendest. – Meine Geschichte Wiens von Ottokars Niederlage und Tod, bis zum Tode Rudolphs, des Gründers der Hochschule und des Stephansdomes zu durchlaufen. –

Was die poetischen Stoffe betrifft, so findest Du deren noch immerfort in meinem historischen Taschenbuche. – Die Freude über sein erzwungenes Erlöschen durch die weite Entfernung, zerrissene Verbindungen, Mangel an Quellen und an Theilnahme, war allzu voreilig. – Der Jahrgang 1834 erscheint so gut, wie der Jahrgang 1802 zu einer Zeit erschien, in welcher Du noch gar nicht geboren warst und seitdem in Süddeutschland eine unbesiegbare Popularität behauptet hat. – Der
 
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neueste Jahrgang wird an allerlei Pfeffer und Salz keinen Mangel leiden und ich bin sehr begierig, ob die neuesten Jahrgänge seit 1830 Dir, trotz der argen Verfolgung beka_nt geworden sind, die ihnen übrigens in Ungarn und Böhmen eine um so glänzendere Aufnahme verschafft hat. – Niemand wird behaupten wollen, diese Suite habe nicht sehr großen Einfluß geübt auf die Historienmalerei in Oesterreich, auf die Romanzen- und Balladendichtung, ja selbst in epischer, lyrischer und dramaturgischer Form, insofern der Aberwitz einer Censur es vergönnte, die geradezu mit breiten Hufen zerstampfte, was sie aufs Sorgfältigste hätte hägen und pflegen sollen.

Wird denn von Dir, mein edler, theuerer Freund, nie mehr eine Ballade oder Legende zu erhalten seyn?

Außer dem Taschenbuch habe ich wenig gethan. – Die Neuheit meines diplomatischen Berufes, die Neuheit der jetzo ganz Deutschland bewegenden Zolls- und Handelsverhältnisse und die Orientirung in Gegenden, die dem Süddeutschen terra incognita sind, nahmen mich ausschliessend in Anspruch. – Hast Du Aufträge in Göttingen, Hamburg oder sonst im Norden, so disponire mit mir. – Dem ticken Freund aus dem goldenen Hirschen in München, scheint mehrjähriges Zuchthaus gewiß. – Wie man's treibt, so geht's. Ich umarme Dich tausendmal, mit tiefgefühlter Hochachtung und herzlicher Liebe:
Tuissimus
<Hormayr>.

Was hörst Du denn von Seidel? – Alle Kräfte sind ja dort gewaltig zersplittert. –  In der Historie geschieht ja gar Nichts mehr, nicht einmal für Critik und Quellen – und ein Zedlitz, des größten lyrischen Aufschwunges fähig, redigirt ein obscures Almanächlein! –
 
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[Poststempel "Hannover
6. SEPT."]
Dem Hochgebornen
Herrn Anton Alexander, Grafen
von Auersberg, Besitzer der Herrschaft
Thurn
am Hart,
in Krain.

Cilli
in Untersteyer

[3 Siegelreste]
 
     
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