Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 8. Dezember 1831
 
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München am 8ten Dezember 1831.

Seit ich das letztemal ein freundliches Lebenszeichen von Dir erhielt, ist die furchtbare Seuche gleich einer Landplage des Alterthums mit verherrender Wuth über das herrliche Ungarn, wie ein schadenfrohes Gespenst über unser theures Wien hinweggebraust, – da war wohl kein Tag und keine Stunde, in der man nicht mit großer Bangigkeit der fernen Freunde gedachte, zumal wenn sie zugleich, wie Du, unter die Zierden der Literatur und hiemit nicht blos einem Ort oder einem Kreis allein angehören. – Durch was Deine Muse fortan beschäftigt, solltest Du mir doch in einigen Zeilen zu wissen thun und des historischen Taschenbuches nicht ganz und gar vergessen, das es auch in seinen neunthen Jahrgängen wohl verdient hat, daß die biedern Oesterreicher seiner eingedenk seyen. – Je seltener ihnen die Memoires sind, je weniger die Etwas sagen können, Etwas sagen wollen oder vielmehr dürfen, um desto gewisser werden die Ahnentafeln von Raunitz und Stadion ihr Recht behaupten. – In langer Zeit hat in Deutschland Nichts ein solches Aufsehen gemacht, wie die Spatziergänge eines Wiener Poeten, weil die herrschenden Zeitideen in so edler und gemäßigter Weise darin angesprochen sind. – Von unsern historischen Leistungen hörst Du vielleicht bald Etwas in der allgemeinen Zeitung. – Meine Töchter kamen noch wenige Tage vor dem Ausbruche der Cholera in Wien zu Salzburg an, aber doch zu spät, als daß ich sie vor den Unannehmlichkeiten des Cordons und der Quarantaine hätte ganz bewahren können, die ich jedoch mit ihnen getheilt habe. – Am vierten Tage starb ihre Mutter, – für mich um 15. Jahre zu spät, – von Freunden und Bekannten habe ich gottlob! Niemand verloren. – Begierig bin ich auf die Folgen dieser Katastrophe, zumal in Ungarn? Sie war Oesterreich und Preußen eine gerechte Strafe für das kurzsichtige und unedle Benehmen gegen Polen. – Wie sich der Wiederhall der Zeitgeschichte in Oesterreich äußern wird, ist in der That ein merkwürdiges Schauspiel für den denkenden Beobachter. – Der Vulkan in Westen hat zu kochen keineswegs aufgehört und die englische Reformfrage wird ihre Reformfrage weit über den Continent verbreiten. Als meine Jugend in bonapar-
 
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tischen Kämpfen verfloß, meinte ich oft, eine schlimmere Zeit nicht erleben zu können – und was waren jene Tage gegen die, welche uns bevorstehen?

Was Du mir zu schreiben denkest, wird Freund Gasser pünktlich an mich befördern.

Wir haben ein viel zu merkwürdiges Jahr hinter uns, als daß nicht Alles, was Dich berührt, mir die höchste Theilnahme einflößen sollte.

Wann wirst Du Dich doch einmal bekehren und an einen Balladen Cyklus aus den Geschicken der Auersberge schreiten?

Ich umarme Dich tausendmal und von ganzem Herzen.

Tuissimus
Hormayr
 
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[Siegelrest]

Dem Hochgebornen
Herrn Anton Alexander Grafen von
Auersberg
zu
Thurn am Hardt,
Cilly.
in Krain
 
     
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