Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 15. April 1831
 
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München am 15ten April 1831.

Sehr erfreuten mich, verehrter theurer Freund, Deine Zeilen vom 11. März mit dem beygegebenen, sehr interessanten, alten historischen Liede. – Aber noch vielmehr wird es mich freuen, wenn Du Dein Versprechen hälst und mir ein kleines geschichtliches Gedicht von Anastasius Grün zusendest, denn auf dieses schalkhafte Dichterlein habe ich von jeher sehr viel gehalten. – Valvasor ist ja voll dem schönsten Stoffe und vom Haus Auersberg selber könnte man ohnschwer und recht ehrlich einen ganzen Balladencyklus zusammen bringen. – Krain ist überhaupt ein rechtes Wunderland historisch und naturhistorisch und Deiner edlen Muse vor Allem würdig. – Ein größerer schöner Stoff, so interessant als Agnes Bernauerin, wohl dereinst Veronika von Teschnitz?

Was Du mir sendest, schicke nur gerade und ohne Brief oder ohne bedeutenden Brief dazu, gerade durch die Post, recommandirt. – Sonst hast Du wohl auch Gelegenheiten nach Wien an Gasser und Hammer, durch irgend einen anderweitigen Freund. Gieb doch von Zeit zu Zeit ein Lebenszeichen. – Unser Briefwechsel betrifft ja nur das alte Thema der beständigen Vermählung von Historie und Poesie: – ein Thema, das jede Regierung gleich interessiren muß, voraus-
 
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gesetzt, daß sie ihr Interesse versteht.

Bayern und Tirol sind fast die einzigen deutschen Länder, wo es ganz ruhig blieb; denn die Münchner Christnacht war ein kindischer Studentenunfug; – nichts weiter. – Sehr erfreut und nicht stolz hat es mich gemacht, daß die Tiroler, trotz der unsinnigen Quiche, sich so würdig benahmen und ihren Verläumdern dadurch so ritterlich auf's Maul schlugen. – Italiam, Italiam! – Daß dieses Krain so nahe liegt, macht mich um Dich auch einigermassen besorgt. Das jetzige Ministerium in Frankreich meint es wohl gut, ob es aber im Stande seyn wird, diesen ungeheuern Partheigeist zu zügeln? – Ganz Europa ist ein Vulkan und Alles unterminirt. Man möchte lieber in dieser traurigen Zeit gar nicht leben. – Es droht un[d gebessert in s] eine völlige Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung, ja man möchte sagen, der jüngste Tag der Cultur und des Uebergewichts von Europa breche herein, – möge nur der Absolutismus siegen oder die Anarchie! Beydes ist trostlos. – Doch in den Deutschen ist noch ein schöner Kern von Bierdersinn und Treue, – Preußens standhafte Frie-
 
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densliebe und kraftvolle Rüstung zieht aller Deutschen Augen auf selbes hin – und die Franzosen irren sich verflucht, wenn sie glauben, sie könnten uns noch einmal bonapartisiren. – Die Deutschen wollen nicht nach Frankreich hinein, aber wenn die Franzosen hinausgehen, wird man ihnen unsanft den Rückweg zeigen.

Schenk ist jetzt der Gegenstand ungestü_mer und insinniger Angriffe. Er grüßt Dich vielmals. – Spindler und Duller machten eine Osterreise nach Regensburg, Nürnberg und Augsburg. – Frankh hat den Buchhandel ganz aufgegeben und geht, wohin sein Ochsenkopf ihn zieht, nach Paris. – Ich umarme Dich hochachtungsvoll und von ganzem Herzen, in der Hoffnung einer baldigen Nachricht.
 
     
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