Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 10. Mai 1830
 
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München, am i0 Mai 1830.
Es gehen heute meine beyden Töchter nach Wien ab und bleiben dort bis halben Juli, um einige unumgänglich nöthige Familienangelegenheiten zu vollenden, da mir selbst die Möglichkeit gebricht, dieses Jahr loszukommen. – Durch sie beko_me ich Alles unaufgehalten und sicher. – Die Adresse der aeltern ist: Dem Hochwohlgebornen Fräulein Franziska Freyin von Hormayr – zu Wien – Goldschmiedgasse <N˚> 605 im Eisgrübel. – Der inwendige Brief ist lediglich an mich zu richten, denn er kömt mir direkt und sicher zu. – Wie sehr wünsche ich, Ihnen meine jüngste akademische Rede über die Monumenta boira zuko_men zu machen! – Ich werde selbe, in 4 – 5 Wochen, wenn mein Buchhändler von der Leipziger Messe wieder zurückkehrt, an die Geroldische Buchhandlung in Wien am Stephansplatz anweisen lassen, wo Sie Sich dann nur durch einen guten Freund darum anzumelden brauchen.

Ueber Ihren letzten Ritter kann ich Ihnen wirklich nicht genug sagen, lieber Graf und theurer Freund. – Dies Gedicht verdient Epoche zu machen auf der gesammten deutschen Erde durch den wahren poetischen Funken, der von einem Ende zum andern nirgend schwächer, fortzuckt, wegen der außerordentlichen Gemüthlichkeit und den überall vorhaltenden Schwung <und> Adel der Gesinnung. – Ich möchte Ihnen tausendmal um den Hals fallen und Sie innigst beglück-
 
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wünschen, de_n das dürfen Sie sicher seyn, Ihr Name wird nicht untergehen, sondern Jahr für Jahr herrlicher glänzen, wenn nur Sie selbst sich unaufhörlich anfeuern, – "junger Aar" möchte ich zu Ihnen sagen, wie einst Bürger zu Schlegel, wenn es mir zukäme, aus so hohem Tone zu reden. – Besuchen Sie doch öfters meine Töchter, die Ihnen diesen Brief bringen, Grafen Salm, der sie liebt und achtet und den Legationsrath von Gasser, der Ihnen stets eine sichere Gelegenheit für das Ausland bietet und ein Muster deutscher Biederkeit ist. – Um würdige Anzeigen Ihres letzten Ritters dürfen Sie nicht sorgen. – Ich sorge schon dafür durch ganz Deutschland.

Nicht löblich ist es von Ihnen, daß Sie mein Taschenbuch ganz verlassen und daß auch Leitner gar nichts dafür thut. – Eines Wiener Honorars wäre er ja doch wahrlich gewiß und gegen die Schläfrigkeit des übrigens biedern und gemüthlichen Frankh ist die Akuratesse seines trefflichen Compagnons König ein verläßliches Gegengewicht. – In Oesterreich muß man solche Verbindungen ja nicht gering schätzen. Ohnehin ist aller Verkehr mit dem Ausland abgeschnitten. – Lassen Sie ja nicht von Friedrich mit der leeren Tasche. Ich habe dieses lange vernachläßigte Suget entdeckt und geschicklich und poetisch poussirt. Je mehr Sie sich darin vertiefen, um so heftiger wird es Ihnen gefallen. – Ich umarme Sie tausemdmal.
 
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[Siegelrest]
Dem Hochgebornen

Herrn Anton Alexander
Grafen von Auersberg
in
Wien.
Sterngasse
nächst dem hohen Markt, 452,
II Stiege, IIIter Stock.
 
     
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