Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
München, am 30. Juni 1829
 
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München den 30 Juni 1829.

Mit tausend Freuden erhielt ich Ihren Brief, Hochgeborner Graf und verehrter Freund und erwiedere darauf: – Unser Freund kö_mt vor der Hand nicht nach Wien, wohl aber erwarte ich ihn morgen in München. – Senden Sie mir also unverzüglich den letzten Ritter, auf den ich außerordentlich begierig bin und Ihnen mein treues Urtheil darüber schreiben werde. – Heine ist in Hamburg, von wo man ihn ehestens wieder in München erwartet, – ein übermüthiger Judenbursche, aber von äusserst viel Geist und Humor.

Immermann schreibt mir oft. Sein Friedrich II. ist nach meinem Gefühl herrlich, besonders der fünfte Akt in seinem elegischen Gegensatz zu dem Wilden Treiben alles Frühern. – Warum aber eine solche Wiederholung der Braut von Messina in Mausend und Cecius? – Auch mit der Charakteristik hatsich der Verfasser nicht stark angegriffen, ausser Roscelanen, dem Kaiser, dem alten Erzbischof und Marino, – Sie sollten, doch einmal München sehen, – es würde Sie nicht reuen. – Man verlangt einen Paß nach der Schweitz. – Auch glaube ich gar nicht, daß manes jetzt noch gar so genau ni_mt. – Wenigstens wäre nicht der Schatten einer Ursache dazu vorhanden. – Der September ist dazu der herrlichste Monat.

Epische Gedichte wollen beim jetzigen Publikum nicht recht hinunter. – Alles überlegt und von allen Seiten, glaube ich, 800 <f.> schweres Geld oder 960 <f.> Kret [durchgestrichen: 1 Wort] [ergänzt: sind] mir ein angemessenes Honorar, wenn
 
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die Dichtung so ist, wie ich es von Ihnen gar nicht, anders erwarten kann. – Ich harre der Uebersendung mit der lebhaftesten und liebevollsten Ungeduld.

Des Königs Gedichte haben in Deutschland [durchgestrichen: haben] unendlich viele Herzen gewonnen und seine Spötter und Neider siegreich beschämt.

Nächstens mehr. – Aber das sage ich Ihnen, Theurer Freund, – die letzten 4 Seiten meines historischen Taschenbuchs bleiben noch i_mer offen, einem Gedichte von Ihnen, auf welches ich durchaus nicht verzichten will. – Sie sollten doch einmal mit dem Brüner-Eilwagen, Salm in Raitz besuchen. – Aber vergessen Sie nicht auf München. – Es würde den König herzlich freuen. – Bald wieder ein Lebenszeichen! – Ich umarme Sie tausendmal.
 
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[Siegel]
[Poststempel: "MÜNCHEN:
29. JUN 29"]

Dem Hochgebornen
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersberg
zu
Wien.
frei bis zur
Gränze.

Sterngasse nächst dem Jahr-
markt No 452. zweite
Stiege 3 <ter> Stock.
 
     
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