Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Wien, am 3. November 1827
 
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Wien, am 3ten Novemb._827 (Samstags)

Hochgeborner Graf!

Seit langer Zeit, nehme Ich mir wieder die Freiheit, mich in Ihr gütiges Andenken zurückzurufen und mich anzufragen, wo Ich für Sie und für Leitner den heurigen IXten Jahrgang meines historischen Taschenbuches hinsenden solle?

Der Inhalt ist Ihnen etwa wohl bekannt, aus dem Archive? – Ich hoffe, es soll an Popularität, seinen Vorgängern nicht zurückstehen?

In den Wiener Jahrbüchern, 37ter bis 40ter Band, habe Ich, so wie im Oktoberhefte des Archivs, meine reiche Münchner Ausbeute entfaltet.

In den schönen Künsten sinkt die Wiener Journalistikimmer tiefer, durch läppische Urtheillosigkeit und durch die schändlichste, erbettelte, erschlichene oder erdrohte Lobhudelei.

Schamlos, mit lederner Kirm, tritt dießfalls die Bäuerlische Theaterzeitung, allen andern vor. – Unter erdichteten Namen, wird das frechste Selbstlob aufgenagelt und gründliche Recensionen, ganz willkürlich verstümmelt und verfälscht. – Mehrere haben schon einige ermeßliche und mannhafte Worte im Sammler darüber gesagt. – Auch Euerer Hochgeboren Name in [ergänzt: diesen] Dingen viel genannt wird, stelle Ich es Ihnen anheim, was Sie für besser erachten: über diese falsa zwei Worte zu sagen, oder gar zu schweigen?

Literatur und Buchhandel haben diesen Sommer über, bedeutende Verluste erfahren. – Wie fest hatte Ich es beschlossen, diesen Sommer nach Gratz zu kommen, um einige Arbeiten am Johanneum zu vollenden, aber ihnen sind wieder andere vorausgegangen und so bleibt

 
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dieses, etwa bis nächsten Mai verschoben.

Gehen Eure Hochgeboren manchmal ins Johanneum und begegnen Sie dort dem Archivar Wartinger?, so sagen Sie ihm doch gütigst: er möge mir doch ehestens meine Frage beantworten, wegen der mir, mit ungemeiner Gefälligkeit gelieferten Urkunden-Copien.

Für’s nächste Jahr habe Ich wirklich einen Reichthum ausgezeichneter Arbeiten für’s Archiv. Desto schlimmer steht es aber mit den Poesien, seit Schön auf [ergänzt: gut] Glück in der Welt herumstreicht und niemanden die geringste Kunde von sich gibt.

Das multum clamoris, parum lanae mit dem Haus Sachs überschreitet nunmehr wirklich jedes vernünftige Ziel und Maß! – Unsere Kritik nähert sich immer mehr dem Krebsbüchlein Lessings, von welchem Ich im April i825, in der Anzeige des Grillparzer’schen Ottokar sprach.

Zedlitzens Todtenkränze sind freilich etwas ganz Anderes. – Nicht nur Unsere österreichische Literatur, könnet auf diesem lyrischen Gebiete nichts dergleichen. Auch die deutsche hat Nichts in der Form und in der Sprache so Vollendetes, als etwa Schulzes’ Cäcilia und seine bezauberte Rose?

Grillparzer will sein neues Stück der Censur überlassen. Er hat es aber meines geringen Erachtens schon zum Vorhinein kastrirt und ruinirt, sich nicht getrauend den etwas indecenten Stoff in seiner primitiven Natur aufzufassen und noch einen andern gewaltigen Hebel mit ins Spiel zu mischen, die beleidigte, ungrische Nationalität gegen die übermäßig begünstigten Deutschen.

Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck meiner wärmsten Hochachtung und freundschaftlichen Ergebenheit:

Eurer Hochgeboren!
gehorsamster Hormayr

 
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[Siegel und Poststempel: "6. NOVEM:"]

Dem Hochgebornen
Herrn Anton Alexander; Grafen
von Auersperg
zu
Gratz.

 
     
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