Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Wien, am 13. April 1827
 
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Wien, Freitags am 13. April 1827. [mit Verschnörkelungen]

Ich bin Dienstag am 10ten April, nach fünf wöchentlichem Aufenthalt in München, wieder in Wien eingetroffen, mit einem Schatz von Urkunden und urkundlichen Denkmalen, welcher jede billige Erwartung weit übersteigt, – bloß allein für die Geschichte der Babenberger an ii00 Stücke, aber auch in den Archiv-Sektionen: Oberpfalz, Leuchtenberg, Neuburg, Nürnberg, Bamberg, Würzburg, unglaubliche Schätze für die Geschichte Böhmens, insonderheit Karls IV, der Hussitenzeit und des großen Königs Georg. – Ich habe darüber ausführlich geschrieben an S.E. dem Herrn Staatsminister Grafen Kolowrat, als an denjenigen, welchem die böhmische National-Literatur eigentlich ihr Wiederaufblühen schuldig ist und der noch das Präsidium der gelehrten Gesellschaft führt. – Eine Schilderung der wahrhaft ungeheuren, archivalischen und Kunst-Schätze Münchens, der tief beschämenden Huld des Königs, der an Kunstliebe eben so den Medicäern nacheifert, wie an Liebe für die Historie, Max I, – der ausgezeichneten Aufnahme, die Ich bei allen Münchner Literatoren, (ohne Ausnahme, selbst der alten, politischen und literärischen Widersacher,) gefunden, hoffe Ich in diesem Sommer einmal mündlich recht lang und breit zu besprechen, denn die persönlichen und die lokalen Details sind beinahe noch interessanter, als der Uiberblick des Ganzen. – Die Glypthothek mit ihren schon mehr als 330 klassischen Bildwerken des ersten Ranges, worunter vier ganze berühmte Musäen, Braschi, Bevilaqua, Albani, Rondemini haben nicht nur jeder außer-italienischen Stadt längst den Vortritt abgerungen, sondern auch schon Florenz überstiegen und die kapitulinische Sammlung, nur nicht, was nie geschehen wird, den Vatikan in der alten Königswitwe und Weltmutter Rom! – Der Ankauf mehrerer englischen und der Boisserischen Sammlung hebt die Pinakothek in gleichem Maße und in urkundlicher Hinsicht hat man wahrlich ein gemachtes Spiel, wenn man die Archive, die Codices und die Bücherschätze von 17 Hochstiftern und mehr als 60 zum Theile 1000jährigen Abteien und solcher Städte, wie Augsburg, Nürnberg

 
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Regensburg, Speyer, Aschaffenburg, Bamberg, Würzburg <p.p.> in seinem Lohn vereinigt!? Es schwindelt Einem beim Uiberblick der ungeheuren Masse, die noch größtentheils undurchsucht, wie viel mehr unbenützt ist! Inzwischen die neue Organisation der Akademie wird viel thun und die neuen Monumenta boica etwas anders aussehen, als die alten!

Die Lieder der Liebe sind zart, sinnreich und von tiefem Gefühl! – Wegen des Verlegers berichte Ich Eurer Hochgeboren ehestens Meine unmaßgebige Ansicht zwischen verschiedenen, widerstreitenden Meinungen. – Indessen ist es doch Zeit, daß Sie Sich an Etwas Größeres machen, wozu ein wohlausgewählter Balladenkranz unstreitig trefflich geeignet ist.

Rettich hat Mir einen sehr angenehmen Eindruck hinterlassen. Es wird gewiß etwas Rechtes aus ihm.

Das Bamberger Archiv gab Mir in München, viele treffliche Aufschlüsse über das steyrisch-kärnthnerische Mittelalter, die Ich je eher je lieber mit dem Diplomatar des Johanneums zu vergleichen hoffe, – wahrscheinlich Anfangs Juni, wo das himmlische Amphitheater von Gratz in seiner vollsten Schönheit ist.

Sie herzlich und hochachtungsvoll umarmend, nenne Ich Mich, in Wort, Schrift und That:

Eurer Hochgeboren!
ganz eigenster
Hormayr

 
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Wien.
Dem hochgebornen
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersperg
zu
Gratz
Hauptplatz. <Nummer> 209.

[Siegelrest]

 
     
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