Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Wien, am 8. Februar 1827
 
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Wien, am 8ten Februar, Donnerstgs 1827.

Hochgeborner Graf!

Ich habe die Ehre gehabt, Ihre gefällige Zuschrift vom 31ten dieses zu erhalten. Sie haben Mich mit vieler Freude erfüllt, wegen des Zutrauens, womit Sie Mich beehren und das Ich gewiß nach seinem ganzen Werth, mit Dank und Liebe erkenne. Ich werde nicht verfehlen, Ihnen um einen Verleger im Auslande umzusehen, wenn Ich vorerst nur die Bedingungen weiß, welche Sie wünschen. – Freilich sind jetzt die Zeiten für den Buchhandel so, daß sie kaum ungünstiger seyn könnten. – Inzwischen solche Lieder finden immer ihren Anklang und eine recht elegante Auflage muß denn auch das Ihrige dazu beitragen. – Schreiben Sie Mir darüber ehemöglichst; denn Ich mache bald eine, längst vorgehabte und nur durch allerlei Nebenumstände verzögerte literarische Reise zu den Archivschätzen von München und S. Gallen, die seit 200 Jahren, bei der langen Eifersucht und Rivalität der Höfe, kein Oesterreicher mehr gesehen und die Mir durch die Gunst des Königs, ein theures Vermächtniß vom Johannes Müller, in einem seltenen Zusammenfluße günstiger Umstände offen stehen. – Bis Ende März bin aber bestimmt wieder zurück, weil Ich dann Meine Babenberge unmittelbar beginnen und insonderheit Anfangs Mai einen Ausflug nach Gratz machen möchte, zum Archiv des Johanneums.

Ich wußte schon gar nicht mehr, wo [ergänzt: ich] den liebenswürdigen Leitner aufsuchen sollte? Ich glaubte ihn in Cilly oder Marburg als Humanitäts-Professor angestellt. – Was ist denn seine gegenwärtige Bestimmung in Gratz? Ich werde sehr glücklich seyn, von ihm eine Ballade für das nächste Taschenbuch zu erhalten, denn in ihm und in Schön weht der echte Geist dazu, obwohl Ich Leitner, als Lieder-Dichter beinahe am höchsten achte.

Der verständige und fleißige Archivar des Johanneums und der Stände, so wie Kirchler, der Skriptor des Johanneums

 
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dürften Ihnen recht freudig, urkundliche Quellen zur Ahnentafel der Auersperge an die Hand geben, auch außer dem Ehrenspiegel [durchgestrichen: von] des Freiherrn von Stadel. – Wie viele schöne Winke dazu, liegen nicht in Valvasor? – Überhaupt hat es Mir schon lange leidgethan, die Geschichte dieses, an ausgezeichneten Männern und romantischen Ereignissen reichen Hauses nicht früher in Meinem Taschenbuch aufgeführt zu haben.

"Illyrien" ist bereits im Archiv erschienen. Kennen Sie denn, verehrter Freund! die älteren, herrlichen Sachen der Gebrüder Schlegel, Atheneum, Europa, Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur? – Tiecks neuestes Werk: "der Aufruhr in den Cevennen"? – Steffens Erzählungen und sein "Valseth und Leith"?

Die kleinen, wohlfeilen Auflagen Shakespeare’s und Calderons bei Sollinger dürften von kaum zu berechnendem, wohlthätigem Einfluß auf den Geschmack seyn.

Genehmigen Sie, hochgeborner Graf mit gewohnter Freundlichkeit, den Ausdruck jener hochachtungsvollen, herzlichen Ergebenheit, womit Ich niemals aufhören werde, zu seyn:

Ihr ganz eigenster
Hormayr

 
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[Siegel und Poststempel "WIEN"]

Wien.

Dem hochgebornen
Herrn Anton Alexander Gra-
fen von Auersperg
zu
Gratz.
Am Hauptplatz
Nr 96.

 
     
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