Siegel von Hormayr  
  Brief von Josef Freiherr von Hormayr zu Hortenburg an Grün
Wien, am 28. Jänner 1827
 
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Hochgeborner Graf!

Ich habe die Ehre gehabt, Ihre gefällige Zuschrift vom 25ten Jänner richtig zu erhalten. Das schätzbare Gedicht wird ehemöglichst im Druck erscheinen und eine Ahnentafel des erlauchten Hauses Auersperg, das an gefürchteten Türkenhelden und an romantischen Ereignissen so reich ist, wird immerdar als eine Zierde Meines Taschenbuches betrachtet werden und würde für den heurigen Jahrgang noch zu recht kommen, wenn Ich sie auch spätestens erst in Mai erhielte.

Zu einem Kranze von Balladen eignet sich wohl nichts vortrefflicher, als jene, wahrhaft einzige Dynastie der Babenberger, vorzüglich aber die beiden letzten, die sich zu einanderverhalten, wie Odysseus zum Achill, Leopold der Glorreiche, Vater des Vaterlandes und Fridrich der Streitbare. – Aber [radiert: j] auch jede von Leopolds Töchtern hat ein eigenes, höchst romantisches Schicksal, vorzüglich Margarethe, die Gemahlin des Hohenstauffen Heinrich und dann Ottokars, aber auch Leopolds Enkelin, Gertrud, deren einziger Sohn Fridrich, mit Conradin, dem letzten Stauffen zu Neapel auf dem Blutgerüst endigte.

Lesen Sie nur Meine Geschichte Wiens unter den Babenbergern, – die Auffassung scheint Mir poetisch genug und die Anklänge, die Sie brauchen, fluthen und strömen zusammen, wie in einem Kirchengedränge. – Aber um den Bildern eine völlige Rundung zu geben, müssen Sie fortlesen: Das ganze Interregnum unter Ottokar bis einschließlich Rudolph von Habsburg und dieses milden, scherzhaften und kühnen Ritters

 
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finsteren Sohn, Albrecht I.

Karls V düsteres, melancholisches Wesen und die allzuwenige Einfachheit der Begegnisse, die sich nach allen Richtungen universalhistorisch durchkreuzen und verschlingen, wird der Romanze oder Ballade fremd.

Uhland’s Eberhard von Würtenberg ist in dieser Hinsicht ein hohes Muster, aber auch der Krieg der Fürsten und Städte, ein, in jeder Hinsicht reichhaltiger und vollkommener Stoff.

Jeder Zeit wird es Mir erfreulich seyn, Herr Graf! von Ihnen zu hören und an den Fortschritten Ihres schönen Talents, an dem so richtigen nubla dies sine linca, mit jener ausgezeichneten Hochachtung und freundschaftlichen Ergebenheit den wärmsten Antheil zu nehmen, womit Ich geharre:

Euer Hochgeboren!

Ihr ganz eigenster Hormayr

Wien am 28ten Jänner 1827.

Werden Sie denn jetzt in Grätz bleiben? Ich gab Mir in diesem Herbst mehrmals das Vergnügen Sie aufzusuchen, Sie waren [Loch im Papier] aber plötzlich verschwunden. – Sind denn das Archiv und das Taschenbuch in Gratz gehörig bekannt? Und wären Sie denn so sehr abgeneigt, dem Archive manchmal einen Correspondenzartikel aus Gratz zuko_men zu machen?

 
     
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