Siegel  
  Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall an Anastasius Grün
Döbling, am 13. Mai 1850
 
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Dobling den 13 Mai 850

Wiewohl ich von dir verehrter und geliebter Freund deinen Pfaffen vom Calenberge selbst als Geschenk zu erhalten hoffe so konnte ich mir unmöglich das Vergnügen versagen denselben früher zu lesen und zu geniessen. Ich habe damit meinen Landaufenthalt (seit dem 7 bin ich herausgezogen) begonnen und bin, den kleinen Druck abgerechnet, der meinen altersschwachen Augen nicht mehr mundet, von der Lesung mit neuer Verehrung fur deinen grossen Genius mit neuer Bewunderung deiner Kraftfülle und schopferischen Phantasie begeistert. Wie schaal wird sich dagegen mein Lehrgedicht ausnehmen, an dem ich seit mehreren Jahren Nichts angerührt das aber diesen Sommer von Neuem

 
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aufzunehmen mich [durchgestrichen: ?] nicht nur mein hohes Alter sondern auch eben dein Werk von Neuem angeregt hat;

Ich denke es wird dir lieb seyn zu erfahren daß eine bisher ungedruckte Grabschrift von Celtes welche sich auf dem Grabe Nitharts zu S Stephan befand so eben durch Dr Reuß [?] zu Wurzburg im [unleserlich] (N 5. 1850) bekannt gemacht worden ist. Daraus erfuhr ich was ich nicht wußte daß der Pfaff vom Calenberg zu Lilienfeld begraben liegt. Ich denke dir einen Gefallen zu thun indem ich dir das ganze abschriebe[durchgestrichen: n] [durchgestrichen: und] lasse, und verwende hiezu [?] auf dem folgenden Blatte eine leserlichre Had als die deines treuen Freundes Hammer Purgstall

Von meiner Krankheit die bis Ende des v. M. dauerte Gott sey Dank hergestellt denke ich wenn meine Tochter Eveline diesen So_mer entbindet einen Ausflug nach Gartenau bei Salzburg zu machen, und dann uber Munchen u Regensb<urg> (der Walhalla willen) uber Wien nach Hainfeld zu gehen.

 
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[von fremder Hand:]
„Epitaphion Nithardi Nobilis Franci ex Familia Nulpium. Conradus Celtes Protucius Francus amore communis patriae posuit.
Franconica de gente satus tenet hic sua busta
Nithardus, salibus nobilis atque iscis.
Omnibus hic potuit sua per dicteria risum
Elicere et miris fallere quemque dolis.
Sed mors sava iocis lacrymis nei flectitur ullis,
Tristes ac hilares, dum venit hora, vocat.
Suam bene coniunctus foret huic de monte sacerdos.
Calvo, quos uno tempore vita aluit,
Coenobium hunc sepelit, dederant cui lilia nomen,
Et campus stiriis fontibus irrignus.
Dîs Manibus sacrum.
Mortuus sub illustrissime[?] duce Austriae
Ottone anno domini MCCCXXXIV."
[von fremder Hand:]
N.S. [2 Wörter unleserlich, ergänzt von Hammer-Purgstall eigenhändig]
Seitdem ich Dir geschrieben habe ich die fertigen vier Bücher meines Dir zu weihenden Lehrgedichtes
(: es sollen in Allem sieben werden :) zu ordnen begonnen in den ersten beiden Bogen zwei Daten beigeschrieben gefunden, die mich wirklich interessieren

 
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und vielleicht Dich, weil Du Dich, wenn nicht für das Werk, doch den Verfasser interessirst, auch interessiren werden, die erste Seite dichtete ich am Tage, wo mir der Gedanke dazu aufstieg, auf meiner Rückreise von Hainfeld am 27t October i832; beim zweiten Bogen steht das Datum am 20t Mai i833 als ich das erstemal in der Schwi_mschule schwi_men zu lernen begann; ich dichtete jedesmal im Hinfahren und Zurückgehen und so sind in den vier Jahren, die ich in der Donau schwamm (: i. J. i834 im Herbst über die Donau:) vier Bücher [durchgestrichen: fertig] und ein Theil des fünften fertig geworden, das wenigstens, so Gott will, diesen So_mer fertig werden soll, was ich Dir zur vorläufigen Kenntniß melde. Kö_mst du diesen So_mer so wirst Du einen Theil abgeschrieben finden.

 
     
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