Siegel  
  Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall an Anastasius Grün
Wien, am 18. August 1835
 
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Wien den 18 August 1835

Wirklich hast du dich mein vielgeliebter Freund ein wenig spät besonnen von deiner glücklichen Ankunft zu Hause Kunde zu geben; doch will ich mit dir darüber nicht richten noch weniger aber dich so lang auf die Antwort warten lassen als du mich deinen Brief ersehnen liessest; der [unleserlich] des Vergnügens für mich wäre zu groß, auch legst du mir die Schnelligkeit der Antwort durch die Besti_mung des Motto des nächstens der Presse zugedachten Gedichtes zu nahe als dass ich sie dir nicht, selbst mitten unter den tausend und einen Beschäftigungen mit Nichts, welche mir des fürstl<ichen> Bothschafters Gegenwart auf den Hals gezogen, sogleich geben sollte.

 
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Wenn du durchaus meinen Schriften die Ehre erweisen willst ein Motto daraus zu nehmen, so wüßte ich kein besseres als das angegebene, erstens weil du es gewählt zweitens weil ich mich keines anderen entsinne, und nicht Zeit habe eines zu suchen, dritens, weil es ungemein passend.

Frankln gehts besser als Hermannsthal er hat [durchgestrichen: nicht nur] draussen einen [unleserlich] seinen Columbus gefunden der ihm noch oben drein [durchgestrichen: ,] die Duftperlen die ich ihm zugeeignet und ihm das Honorar davon zum Behufe seines Doctorats überlassen, über alles Verdienst gut honorirt. Auch Zedlitz glaube ich hat mit seiner Ubersetzg des Child Harold, welchen die Censur hier anfangs ganz verboten da_n ganz durchgelassen hat gut Geschäfte gemacht, ich sah ihn nur einen Augenblick vor seiner Rheise nach Ungarn.

 
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Balzer [?] ist nur einige Tage hier gewesen und ich habe ihn nur im Paarmal gesehen. Spahir’n habe ich nie von Angesicht gesehen ich weiss nicht was du für ein Epigra_m meinst we_n du nicht das auf sein Portrait das neben dem Baeuerle’s in der Ausstell<ung>, gemachte meinst,

Wohlgetroffen unbestritten
Doch der Heiland fehlt inmitten.

Ich glaube wirklich Saphir will sich das Ansehn [?] geben der Furstin Lori Schwarzenberg [durchgestrichen: auch] nachzureisen [?] die er als Blancheflor in wirklich sehr schönen petrarchischen Gedichten so oft besingt. Ich ko_me heuer weder nach Gratz, noch nach Hainfeld bis mir der Besitz davon zugesprochen worden, erst vor einigen Tagen ist das Aperat das Landrechts [unleserlich] gediehen, und geht nun an die oberste Justiz, bevor es hinauf geht.

 
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Mich freut die Aussicht [durchgestrichen: dich] daß du nächsten Winter in Wien zuzubringen gedenkest. Die Gesellschaft wird zwar wenig dadurch gewi_nen wenn du noch i_mer dieselbe Scheu vor der selben hast, doch hoffe ich desto mehr dich zu sehen. Zedlitz ist [durchgestrichen: ?] uber die massen [unleserlich] aufs Ausland zu sprechen zurück gekomen besonders auf den [unleserlich] von [unleserlich], dieser bei dem er gespeiset zog in in ein Fenster und sprach ihm dann laut (er meinte leise) ins Ohr: Ist es wahr? – ist es wahr? – dass Sie wegen der Spatziergänge eines Wienerpoeten ein Jahr lang von Wien verbannt worden? – Letzten Donestag war der [unleserlich] bei mir abends zu Dobling wo ich ihm drey schone Frauen prasentirte die Münch, Schi_melfinig und Grafin Wickenburg er würde der ersten (die am meisten coquettirte den Vorzg gegeben haben) we_n ich ihn nicht zur letzten aufs Soffa gesetzt hätze wo er Verse auf ihre Augenbrauen die er einem [unleserlich] Buchstaben verglich improvisirte. Vale et ame Freund [?] Ha_mer

[im unteren Bereich an den rechten Seitenrand geschrieben: [2 oder 3 Wörter unleserlich]]

 
     
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