Siegel  
  Beilage 1 von J. Freiherr von Hammer-Purgstall an Anastasius Grün
Am 1. Oktober 1834
 
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Als ich die Donau hinüber und herüber schwamm,
am 11. September 1834.
Von J. v. Hammer.
(Aus Nr. 115 der Wiener Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode
besonders abgedruckt.)

 
 

Donau! nimm’ den Sohn der Fluten,
Welchem Schwimmen zur Lust,
Aus des Sommertages Gluten
An die wogende Brust,

Nimm den Schwimmer, den erprobten,
In den kühlenden Schooß,
Von dem Lande, dem gelobten,
Reißt er gerne sich los;

Laß’ ihn leicht wie Feder wallen
Durch den wiegenden Raum,
Durch die Fläche von Krystallen,
Durch den silbernen Schaum.

Fortgesteuert nun gerade
Gen den Leopoldsberg!
Talisman bewahr’ die Wade
Vor dem krampfigen Zwerg!

Wie sie brennen hell die Röthen
Sommergluthigen Tags!
Wie die Wellen fließend flöten
Gleichgehobenen Schlag’s!

Donau! Donau! wollt’ ich preisen,
Was begeistert ich schau’,
Was ich weiß von deinen Reisen,
Siebenmündige Frau,

Siebenzüngig wie das Feuer,
Das Brahmane verehrt,
Müßte tönen meine Leyer,
Daß des Liedes sie werth.

Spanier1) und Türken2) sangen
Deiner Wogen Gewühl,
Mehr vom Deutschen kannst verlangen
Heimatliches Gefühl.

Wiegend wog ich dir inmitten,
Völkerscheidender Belt,
Dessen Grenzen überschritten
Manch’ erobernder Held.

Perser, Türken und Tataren,
Etzel, Suleiman,
Gothen und der Römer Schaaren,
Antonin und Trajan.

Nymphe Donau! Donauweibchen,
Halbvergessenes schon!
Du benahmest dich als Weibchen
Gegen Gallia’s Sohn.

Daß, ihm grollend erst mit Hohne,
Endlich ließest ihn zieh’n,
Und ihm preisgabst deine Zone,
Sey dir Nymphe verzieh’n!

Heute war’s vor so viel Jahren,
Daß, im blut’gen Schlamm’
Szenta’s Troß der Türkenschaaren
Sich Verderben erschwamm3).

Heute war’s vor so viel Jahren,
Daß für Austria’s Stamm
Jedes edelen Magyaren
Aug’ ein thränendes schwamm4).

Doch geschichtliches Gedenken
Enge mir nicht die Brust!
Sonst verliere ich zu schwenken
Und zu schwimmen die Lust.

Siehe da! das linke Ufer,
Doch wir landen noch nicht,
Denn es mahnt zurück als Rufer
Uns die nautische Pflicht.

So im Leben nah’ der Landung,
Gegenüber dem Port,
Reißt oft in den Strom die Brandung
Uns, die Schwimmenden, fort.

Also wieder rechts gesteuert,
Zu den blumigen Au’n.
Von der Freunde Ruf befeuert,
Die im Boote zu schau’n;

1) Garcilaso de la Vega’s Canzone: "Danubio, rio divino."
2) Aaschik’s Gedicht: "Die Donau" in Castelli’s "Huldigung der Frauen" 1828.
3) Am 11. September 1697 der Sieg Eugens bey Szenta:
4) Am 11. September 1741 "Moriamur pro rege nostro Maria Theresia!"

 
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Zwar die Kaiserstadt vergräbt sich
In den Wänden der Au’n,
Doch der Stephansthurm erhebt sich,
Um uns schwimmen zu schau’n.

Fürst der Weisen von Cyrene,
Dir war, Carneades,
Mehr bekannt des Pferdes Mähne
Als des Wassers Proceß,

Hättest sonst nicht sagen können:
"Gründlich werde gelehrt
"Nichts als Reiten Fürstensöhnen,
"Weil nicht schmeichelt das Pferd."

Minder schmeicheln noch die Wogen,
Als der störrige Gaul,
Bey den Haaren hergezogen
Säumet Wasser nicht faul;

Aber ich will auch nicht säumen,
Schön der Woge zu thun,
Erst sie wacker aufzuzäumen
Und dann wieder zu ruh’n.

Schirmt den Reiter, Dioskuren,
Der bestiegen die Flut;
Leitet durch lazurne Fluren
Ihn mit fröhlichem Muth!

Dir o Fischerinn Diana5)
Wimmeln Fische der Flut,
Doch mich traget Narajana6),
Der auf Wassern nur ruht.

Wieder bin ich in der Mitte
Von dem Wasserrevier,
Packe nach Athletensitte
Bey den Hörnern den Stier.

Izt ist’s Zeit im Schwimmerturne
Sich des Wassers zu freu’n
Vollauf strömt des Niles Urne,
Wann die Sonne im Leu’n.

Wie der Himmelslöw’ ein grimmer,
Trägt die Sonne als Last,
Trage Flutenleu den Schwimmer,
Der die Mähne dir faßt.

Doch, ich denke nicht zu schwimmen
Kraftlos wider den Strom,
Höret auf der Fluten Stimmen,
Die ihr schwimmet im Strom!

Wie sie brausen! wie sie tosen!
Traun! sie tragen dich noch [handschriftlich durchgestrichen: ,]
Durch den Pfad , den spur[handschriftlich ergänzt: en]losen
Mußt [handschriftlich darübergeschrieben: 2] du [handschriftlich darübergeschrieben: 3]
rudern [handschriftlich darübergeschrieben: 1] jedoch!

Nicht dem Elemente traue,
Noch der eigenen Kraft,
Sondern Gott dem Herrn vertraue,
Der zur Höhe dich rafft.

Wie das Schwimmen ist das Leben
Ein beständiger Kampf,
Wer izt sinket, kann sich heben
Aus dem flutenden Dampf.

Und ist einst der Staub versunken,
Schwebt die Seele zum Licht;
Denn des Geistes ew’ger Funken
Kennet Untergang nicht7).

Fort nun von dem Schwimmtheater!
Erde sey mir gegrüßt!
Landend küsse ich den Prater,
Wie die Woge ihn küßt.

5) Artemis Diktynna, Diana die Fischerinn.
6) Narajana, der auf dem Wasser ruhende Wischnu.
7) "Nescit occasum," die Devise des Polarsternordens.

 
     
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