Siegel  
  Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall an Anastasius Grün
Wien, am 22. Dezember 1832
 
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Wien den 22 December 1832

Was soll denn dein Schweigen bedeuten mein geliebtester Freund; ich harre noch immer auf die Antwort [durchgestrichen: deines] Briefes den ich dir bald nach meiner Rückkehr von Hainfeld und also vor mehr als sechs Wochen geschrieben habe. Das neue Jahr mit dessen Anfang du in Wien zu erscheinen versprachst, ist vor der Thür, und [durchgestrichen: N][ergänzt: n]och missgönnst du mir die Freudenkunde der Woche und des Tages, wo ich hoffen darf dich wieder in meine Arme zu schliessen. Lass mich also wenigstens so gleich nach Ankunft dieses Briefes wissen wann du hier aufzutreten gedenkst

 
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Was ich unter auftreten verstehe weißt du schon nämlich de [unleserlich] de Votre personne; wer Perlen finden will muß tauchen sagt der Araber; eine Perle wüßt ich wohl eine einzige, aber sie zu fischen hängt vom Taucher ab. Lass dich also nicht abermals rufen wie die Geister die man [durchgestrichen: scho] wohl rufen mag von denen aber die Frage ob sie kommen wollen oder nicht. Wenn dich die Perle nicht zieht, weiss ich nicht anderen Magnet; denn den zwey Improvisatoren, dem italienischen (Bindocci) und deutschen (Langenschwarz), die sich nun Beide hier herumtreiben, zu liebe möchtest du wohl schwerlich nach Wien kommen; der letztere

 
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wiewohl höchst unwissend in allem Historischem und Mythologischem [durchgestrichen: ist], und trotz seiner schlechten Gesten und weinerlichen Sti_me ist doch ein stupendes Tälent für augenblicklichen Erguß der Rede in Reimen und gleichzeitige Behandlg von zwey oder drey Stoffen mit beliebiger Unterbrechung von Seite der Zuhörer und stätem [?] Abspringen von einem Stoffe zum anderen. Hochst neugierig bin ich auf sein Werk Arithmetik der Redekunst (so heisst es glaub ich) aus dem er mir Stellen vorzulesen versprochen. Zedlitz der von vorneherein Alles was von Langenschwarz komt als elend verdammt, will nicht einmal am Abend wo L. daraus Auszüge lesen will zu mir kommen.

 
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Der italienische Improvisatore den ich in einem Kreise der Gr. Conty gehört hat Nichts von einem Poeten, desto mehr aber von einem guten Acteur; er hat neulich bei Hof vor der Kaiserin, Kongin u [ergänzt: d.] Erzherzoginen sich hören lassen; den deutschen habe ich [ergänzt: jüngst] bei meiner Schwägerin, vorgestern in einem auserlesenen Kreise als [?] Sahne bei F. Metternich, und gestern Abends in einem desgleichen bei G. Amde gehört Heute Abends glaub ich improvisirt er bei Kurländer. Wenn du nicht zu den Naturforschern nach Wien kommen wolltest, so komm doch zu den Improvisatoren, diese machen Glück wie jene, und kannst du als keiner von Beiden dein Glück machen, so mache doch durch deine Hieherkunft das

deines treuen Freunds
Ha_mer

 
     
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