Siegel  
  Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall an Anastasius Grün
Wien, am 20. November 1831
 
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Wien den 20 November 183i

Ich beantworte liebster Freund deinen gestern erhaltenen [durchgestrichen: Brie] zweiten Brief so schneller je mehr mich dein Vorwurf den ersten so lange unbeantwortet gelassen zu haben trift; aber höre meine Entschuldigung: Da ich so unleserlich schrieb daß du die Spatziergänge eines Wiener Poeten für die eines Neugriechen lasest, und mich batest dir zu sagen weß Geistes Kind das dir allgemein zugeschriebene Werk sei, wollte ich dasselbe wenigstens zu Gesicht beko_men haben ehe ich dir wieder schrieb; das ist aber bis zur Stunde noch nicht der Fall gewesen, und zwar aus folgender Ursache.

 
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Anfangs September lag ich an einem [unleserlich] dem mit Blutegeln abgeholfen werden mußte. Ich hatte soeben die Spatziergage mit verschafft, als mein Arzt Dr. [unleserlich] kam, mich da ich abends ohnedies nicht lesen durfte, um das Buch nur auf 24 Stunden bat; ich ließ es ihm, habe es aber zur Stunde noch nicht zurückerhalten da er es ohne meine Befugniß dem G Kolowrat geliehen, welcher es ihm bis zur Stunde nicht zuruckerstellt hat ... so daß ich es von diesem erst selbst wieder zurückbegehren müßen. Die Stadtlüge welche dich zum Verfasser dlbn macht hat dir auch schon als solchem den Hof verbieten lassen, und Weigl [?] erzählte mir noch vorgestern ganz verblüfft daß du bereits als Staatsgefangener auf der Citadelle !von Gratz! säßest; Mich wird es um so mehr freuen we_n du solch du_mes Gerede Lügen zu strafen bald hieherkämest.

 
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Was ich da als wahr beurteile [?] ist daß der Censursvorsteher Sartori amtlich um sein Gutachten aufgefordert wer der Verfasser d. Spatziergaenge [?] sein könne sich dahin geäußert daß we_n der letzte Ritter von dir, auch die Spatziergaenge [?] unfehlbar von dir seien, ubrigens, hier, hier seien die staatsgefährlichen darum [?] suspekten [?] Gesinnungen dieselben die sich in Zedlitz, Grillparzers und Deinhardsteins Schriften fänden, so wie die Vorvergehen [?] dieselben wie in Hammers Italia: Du siehst daß ich unverschuldet durch eine mouche als mouche unter denselben poetischen Fliegenklappen der Censur angesehen ward, was mir zur großten Ehre gereichen würde, wenn ich hiedurch [?] den Namen eines Dichters zu verdienen glaubte; Deinhardsteins Egoist den ich gestern gesehen ist sehr flau ausgefallen, und wird sich kaum auf dem Theater halten können. Zedlitz wird binnen 8 Tagen von Pest zurückerwartet.

 
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Fellnern habe ich wirklich [?] noch nicht gesehen obwohl ich bei meiner Rückkehr von der Stey (erst am 7 Nov.) eine Karte von ihm gefunden; ich werde ihn nun heut selbst aufsuchen, ich höre durch meinen Bruder er gefalle sich gar nicht in Wien <und> wolle nach Graz zurück. Ich bin kaum noch mit dem Ordnen meiner Bücher fertig in meiner neuen Wohnung (im ersten Stocke das Hauses meines Schwigervaters nächst dem wilden Ma_n [?]) wo meine Bibliothek noch comfortabler als in d. vorigen Wohnung, die ich so schwer verließ, weil ich nirgends so guten Raum für meine Bücher zu finden hoffte; da ich dank [?] deines Briefes dich selbst bald hier zu umarmen hoffen darf so bitte ich dich nur sobald du deine Abreise wirklich [?] bestimmt hast, der frühest Post, Kunde davon zu geben deinem aufrichtigst ergebensten

Freund Hammer

NS. Ich habe Fellnern aufgesucht und gefunden, er gefalle sich hier gar nicht er sagt die Cholera habe dich besser abgehalten hierher zu ko_men; [4 oder 5 Wörter unleserlich]

 
     
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