Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 23. Oktober 1857
 
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Wien 23/X 857.

Mein herzenslieber Bruder!

Deine Zeilen haben mich recht innig erfreut; denn sie sind mir ein neuer Beweis deiner Teilnahme. Ja ich war derselbe Castelli, den du in der Grazer Zeitung gelesen hast und ich begreife wohl daß dich das Prädikat: Doctor etwas irre gemacht hat, allein da mich die [unleserlich] nun einmahl dazu gemacht haben und ich jetzt keinen andern [ergänzt: Titel] mehr besitze, so muß ich mich wohl dessen bedienen.

Bruder! Ich habe eine große Reise gemacht vermuthlich die letzte in meinem Leben! denn ich habe die ganze entsetzliche Cur in Marienbad und die Traubenkur in Meran gebraucht und befinde mich jetzt übler und schwächer als ich fortgegangen bin. Künftigen Sommer wenn ich anders noch lebe, setze ich mich in ein kleines Städtlein in Oberösterreich oder Steyermark und ruhe vom Nichtsthun aus.

 
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Ich sende dir anliegend meine Reisebriefe und zwar nur in der mir schmeichelnden Voraussetzung daß dich der Schreiber interessirt und du wissen willst, wie es ihm ergangen ist, denn das Geschriebene ist nur Alltägliches.

Du hast mir sogar selbst ein Dosenbildchen und mein liebes Thurn am Hart gemahlt? Der herrliche Mahler mit Worten ist also auch ein Mahler mit Farben? Sende es mir nur gleich es ist ein Unicum und mir unendlich werth.

Deiner lieben Frau empfehle ich mich und bin, ich fürchte nicht lange mehr

Dein
IFCastelli

 
     
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