Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 5. November 1856
 
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Wien am 5t 9br [?] 56.

Mein theurer Freund!

Drei Tage sind es erst daß ich einzelne Stunden außer dem Bette zubringen kann und ich hatte mir schon vorgenommen an dich zu schreiben, als mir Dein lieber Theilnahmsvoller Brief heute zuvor kam.

Meine Krankheit war sonderbarer Art zwar ohne allen Schmerzen, aber eben darum für den Arzt von zu wenig ausgesprochenem Charakter und daher die Diagnose schwierig. Ich hatte auch kein Fieber, aber durch vier Wochen ein stetes vages Unwohlsein, keinen Appetit und keinen Schlaf. Du kannst Dir nun denken wie dieser Zustand meinen ohnedieß morschen 75jährigen Körper zusammen rüttelte. Ich glaube wirklich schon bei mir würde es heißen: Veder Thurn am Hart et poi morir

 
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Nun – es ist vorüber gegangen, aber die Nachwehen werden lange dauern und der alte Castelli werde ich nicht mehr eben weil ich der alte Castelli bin.

Das über mich geschöpfte Urtheil lasse ich mir gern gefallen und werde auch nicht dagegen appelliren, wenn nur der höchste Gerichtshof keinen Strich dadurch macht.

Ich habe auf meiner Reise noch sehr viel Angenehmes erlebt, besonders hat mir Tyrol gefallen. Herrliches Land aber arme Menschen für ihre Treue und Anhänglichkeit an Österreich schlecht belohnt. Ich darf es gestehn daß es mich sehr erfreute meine osterreichischen Lieder dort aus jedem Mund zu hören und daß der Name Kaschdeli auch in der Alpenhütte genannt wird.

 
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Wenn Du Dir die Mühe nicht verdrießen lassen wolltest meine i9 Reiseberichte im Humoristen zu lesen so würdest du wohl nichts Pikantes oder Belehrendes aber doch [durchgestrichen: vielleicht] durchaus Wahres und vielleicht Manches Neue finden.

Deiner Hausfrau welche zugleich die liebenswürdigste Dame ist empfehle ich mich, dein heimliches Schloß und dein herrlicher Garten bleib[durchgestriche: t]en mir stets im Gedächtniß, und selbst den dick beschotterten Weg zum Maierhof kann ich nicht vergessen, denn er führt zum Paradiese. Vor allen aber möge der Herr des Ganzen glauben daß er keinen treueren Freund hat als

seinen
IFCastelli

Betty empfiehlt sich. sie ist meine treue Pflegerin

 
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Apropos! Dir hängt doch auch noch immer ein alter Zopf am Nacken Du hast das "Edelgeboren und Wohlgeboren etc: noch immer nicht vergessen, ich ersetze dieß Alles durch das Wort "Hochverehrt"

 
     
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