Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Baden, am 17. Juli 1854
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] jetzt Baden i7/7 854

Mein lieber Bruder!

Obschon ich meine Besitzung in Lilienfeld bereits übergeben und verlassen habe, so schreibe ich Dir doch noch auf einem Blatte welches ihr Bild an der Spitze trägt, weil ich wünsche daß Du dich noch der angenehmen Stunden erinnern mögest, welche wir daselbst mit einander verlebten. Ich hätte übrigens nie geglaubt daß es mir so leicht würde diesen meinen Lieblingsaufenthalt zu verlassen, allein Clima, Einsamkeit und Frau-Baserey [?] und die damit verbundene Klatschsucht und die scheinheiligen Kuttenmänner haben mir den schönen Aufenthalt verleidet, auch waren die Kosten schon unerschwinglich für mich. Du wirst es mir kaum glauben daß ich bei meiner Ankunft 198 Glashaus- und Mistbeetfenster einschneiden lassen mußte. Jetzt habe ich des Jahrs um 2000 fl CM mehr Einkommen und die Welt ist überall schön.

Ich habe hier in Baden bereits 30 Bäder gebraucht aber mein chronischer Schleimhusten peinigt mich noch wie früher und ich verzweifle schon an einer Besserung

 
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Würde dieses Glück mir noch gegen mein Erwarten zu Theil, so sehe ich dich gewiß Ende August in Thurn a. H. Bleibt es aber im Alten so mußt du mir verzeihen, da ich es nicht wagen dürfte eine längere Reise zu machen.

Der plötzliche Tod des alten Fürsten Dietrichstein hat mir tief in die Seele geschnitten. Die Welt hat an im einen großmüthigen Menschenfreund einen Mäcen der Wissenschaften und Künste, einen wahren Weisen, einen Engel der Armuth, den letzten Ritter, ich meinen zweiten Vater verloren. Wenn es sieben Himmel gibt, so ist er gewiß im siebenten.

Ich freue mich daß du den bayrischen Orden bekommen hast, er glänzt gewiß an keinem würdigeren Halse. Auch mir sind wieder zwei in’s Knopfloch geflogen der Franz Joseph Ritterorden und der Sachsen-Ernestinische Hausorden. Mir wäre es aber lieber man hätte statt mir ein Kreuz zu geben, mir das schwere Kreuz meines Unwohlseins genommen.

 
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Der Tod deiner lieblichen und liebenswürdigen Schwägerin hat mich tief angegriffen. So mitten aus dem höchsten Erdenglücke weggerissen zu werden, ist fürchterlich und wäre es selbst zu einem höhern, bessern Glücke, so verdient doch das namenlose Unglück des Überlebenden unser ganzes Mitleiden:

Den unberichtigten Jahresbeitrag zur Gartenbaugesellschaft werde ich entrichten, wenn ich im September nach Wien komme.

Bauernfeld wohnt hier in Baden, weil – weil Josefine Wertheimstein hier wohnt. Ich sage mit Staberl: Wenn er nur was davon hat.

Ich empfehle mich deiner lieben Frau bestens und sollte mir der Himmel so wohl wollen dich in deiner Heimat besuchen zu können so erhältst du früher noch Nachricht

von Deinem
IFCastelli

 
     
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