Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 6. Februar 1851
 
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[Poststempel "Gratz 7. Feb:"]
[Poststempel "[unleserlich] Aufg.amt."]
von Wien
Herrn
Anton Alexander Grafen von
Auersberg

 
    zu    
  im Palais des    
  Grafen v Attems Gratz  
    Steyermark  
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] jetzt Wien 6/2 5i

Mein theurer Bruder!

Wie du mich verlassen hast, so bin ich noch immer, schon darum schlechter, weil es nicht besser geworden ist. Glaube mir die Resignation ist eine schlimme Geschichte, man möchte sich so gerne einreden sich endlich in’s Unvermeidliche zu geben, aber es thut’s nicht, die Hoffnung macht die Hingebung immer wieder zu Schanden, und bemerkt man dann daß die Erstere uns genarrt hat, so fühlt man sich doppelt unglücklich. Was soll endlich auch das Leben wenn es kein Leben mehr genannt zu werden verdient, wie bei mir? Eine meiner angenehmsten Stunden ist die jetzige, wo ich mit dir spreche, alles Geträtsche über Minister und Staatsangelegenheiten, über Kunst und Künstler, über Theater und Bälle eckelt mich an; du empfängst ja die Mittheilungen eines Freundes mit eben jener Liebe mit welcher sie gegeben werden. Also höre!

Bauernfeld ist wieder in sein früheres Übel verfallen Wüthende Kopfschmerzen stellten sich wieder ein und man mußte ihm einige Tage und Nächte fortwährend Eisumschläge

 
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machen. Seit gestern hat es sich etwas gebessert. Daß sein Lustspiel "Der kategorische Imperativ" den Preis erhalten hat, weißt du, aber nun muß er erst Veränderungen damit vornehmen damit es zur Aufführung gebracht werden kann. Dadurch werden wohl viele pikante Stellen wegfallen. Nun die 200 Dukaten hat er im Trocknen!

Du wirst wohl auch gelesen haben daß ich von unserm Statthalter zum Theater-Beirath berufen worden bin, es aber abgelehnt habe. Ich habe bei dieser Gelegenheit meinem Herzen Luft gemacht und dem Statthalter ein Memorandum übergeben, worin ich die Unausführbarkeit unserer Theaterverordnung und wie sie nichts als ein Hemmschuh für Kunst und Künstler ist, Paragraph für Paragraph bewiesen habe. Diese Schrift soll jetzt beim Ministerium ligen. Sie wird mir dort keine Freunde machen, aber dem Himmel sey Dank ich brauche keine mehr.

Dessauer ist selig daß seine Oper "Paquita" gefallen hat

 
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Neues gibt es gar nichts. Nachdem Schmerling sein Portefeuille abgegeben ist er wieder in seiner alten Stelle als Verordneter bei den Ständen eingetreten. Obwohl diese nicht mehr existiren sollen, so bezieht er doch wieder seine jährlichen 3000 f sa_mt freier Wohnung. – Bach macht sich bei allen Partheyen immer verhaßter. Es ist mir selten eine so große Charakterlosigkeit vorgekommen. – Lenau’s Statuette ist fertig, ich finde sie aber nicht ähnlich.

hört! hört! – Baumann hat den Weimarer Ernestinischen Hausorden bekommen. – Der Kaiser mustert fleißig das Militär und tanzt.

Mich aber drückt mein Übel immer mehr darnieder willst du es etwas mildern so lasse bald etwas von dir hören

Dein
IFCastelli

 
     
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