Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 31. Juli 1850
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] am 3i Juli 850

Mein theurer Bruder!

Nie fühlte ich das Bedürfniß mich mit einem Freunde zu besprechen mehr als jetzt wo die Tage gekommen sind, welche mir nicht gefallen. Zerrütteter Körper und gedrückter Geist wirken zusammen, um mir das Leben, ja selbst die herrliche Natur gleichgültig zu machen. Ich bin immer in gereiztem Zustande, und ich wüßte nichts, was mir mehr eine wahre Herzensfreude machen könnte, es müßte nur seyn daß ich mich einmahl wieder recht wohl fühlte, und eben dieß halte ich für ganz unmöglich. Am traurigsten aber macht mich der gegenwärtige Zustand der Kunst und der Künstler in allen Zweigen. Zschokke starb ohne daß auch nur ein Hahn nach im gekräht hätte, die Musick macht nur mehr auf Tanzsälen Glück, die armen Mahler wissen nicht mehr wo Brot hernehmen, und die Schriftsteller – ach! wenn sie nicht die Kiele in Galle tauchen und politische Artikel schreiben, so mögen sie ja das Papier schonen; denn es wird ihnen nicht vergütet. Ich habe bisher immer das Glück gehabt daß meine humoristischen Aufsätze gesucht und anständig

 
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honorirt wurden, auch das ist vorüber und ich muß fast froh seyn wenn irgend ein Journal etwas von mir aufnimmt, damit ich nur der Lesewelt nicht ganz aus dem Gedächtniß komme. Wenn ein Werk der neuern Zeit verdiente allgemeine und außerordentliche Sensation zu erregen so ist es gewiß dein Pfaffe und sieh da außer einigen Auszügen in Journalen höre [durchgestrichen: ich] [ergänzt: und] lese ich wenig über dieses vortreffliche Gedicht. Es wird freilich die Zeit kommen wo man nachgraben wird nach den Schätzen welche jetzt todt liegen, der göttliche Funke muß einmahl zünden aber man hat den Teufel davon, wenn man die Wärme desselben nicht mehr fühlt.

Doch genug der Lamentation! Wir geht es dir? Du bist doch wohl? Wie stehen deine finanziellen Verhältniße? Sie haben sich wohl nicht gebessert? Bist du etwa von deiner Gemeinde zum Bürgermeister gewählt worden? In meiner Nähe hat eine Gemeinde den Taschenspieler Döbler zum Bürgermeister gewählt. Sie hoffen er werde ihnen bessere Zeiten herzaubern.

 
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Der dießjährige Sommer ist ein abscheulicher zu nennen. Nichts als Regen, keine Gattung von Obst, ein Königreich für eine Zwetschke! Die Blumen verfaulen bevor sie sich erschließen. Geld und Mühe umsonst. Nur Heu in Hülle und Fülle, der liebe Gott weiß daß es mehr Ochsen als Menschen gibt.

Heute ist mein Namenstag und da habe ich der hiesigen Gewohnheit gemäß Geistlichkeit und Weltlichkeit der Umgegend eingeladen um sie abzufüttern. Ich hoffe daß gegen Abend auch Bauernfeld hier eintreffen und einige Tage bei mir bleiben wird, wenn er sich anders aus seiner Gesellschaft von Weibern und Kindern los machen kann. Grillparzer will mich, wie er mir meldet im September besuchen. Er schrieb mir vor einigen Tagen auch Folgendes:

"Der Dichter Geibel war hier. Mit thut leid daß Sie ihn nicht haben kennen lernen. Er hat mir den seltenen Genuß verschafft eines deutschen Literators, der zugleich ein vernünftiger Mensch ist."

 
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Nun mein theurer Bruder lebe wohl, möge dir im Reiche der Dichtung jener Friede lächeln, den wir im Leben wohl noch lange vergebens suchen werden. Hast du eine müßige Stunde so denke meiner und erfreue mich mit einigen Zeilen

Dein
IFCastelli

Ich empfehle mich deiner Frau.

 
     
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