Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 12. Mai 1850
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] den i2 Mai 850

Mein theurer Bruder!

Du wirst dich nicht wenig gewundert haben, als du einige Tage, nachdem ich dir meldete, daß dießmahl bei Heller keine Erde zu haben sey, du dieselbe doch wirklich erhieltest. Die ganze Confusion hat Heller’s Tochter gemacht; diesem Weibchen ist aber leicht zu verzeihen; denn sie ist bildsauber.

Ich habe Deinen Pfaffen von Kahlenberg das erstemahl verschlungen; das zweitemahl genossen. Was soll ich Dir darüber sagen? ich habe keine Worte womit ich Deinen Worten und Gedanken ihr volles Recht wiederfahren lassen könnte: Solch ein Buch that uns in unserer

 
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bösen Zeit Noth. Mir war beym Lesen zu Muthe als ob ich mich schon zwischen meinen lieben Bergen befände und die Maiglöckchen um mich zu klingen anfingen, mir wurde so wohl und feierlich zu Muthe, und ich glaube dieses wohlthuende Gefühl muß Jeden ergreifen, der diese herrliche Dichtung liest. Von einigen starren Schulmenschen habe ich sogar gehört sie seyen mit Allem einverstanden, nur die Verse kämen ihnen nicht ganz schön vor. O! o! o! immer sehen sie auf die Schale und nicht auf den Kern. Ich meines Theils glaube dein letzter Ritter und dein Pfaffe werden, der Erstere deinen Wappenschild, der Zweite deinen

 
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Geist zur Unsterblichkeit befördern. – Das Widmungsgedicht an Lenau kann ich schon auswendig.

Ich bin nun wieder in Lilienfeld, befinde mich hier aber eben so unwohl wie in Wien, besonders seit zwei Tagen, wo wir wieder abscheuliches Wetter und Naßkälte haben: Der heurige Winter hat in meinem Garten fürchterlich gewirthschaftet, selbst harte Rosen sind erfroren. Mit dem Obste wird es wohl auch schon zu Ende seyn; diesem haben die Fröste im März ungeheuer geschadet. Alles dieß und mein körperliches Leiden dazu machen mich Lebensmüde, und es wird bald Zeit seyn sich schlafen zu legen! –

 
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Lebe nur Du, mein werther Bruder noch recht lange, genieße die Ehren und Würden, womit du dich selbst bekleidet hast in vollem Maße und denke dann manchmal desjenigen, der, wenn es ihm vergönnt ist, [durchgestrichen: sich] noch von jenseits sich mit seinen Lieben auf Erden in Beziehung zu setzen, dir manchmal in’s Ohr lispeln wird: vergiß nicht

Deinen
IFCastelli

Ich empfehle mich deiner verehrten Gattin

 
     
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