Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 9. April 1850
 
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[Poststempel: "Wien 11. Apr:"]
[Poststempel "Graz 12. Apr"]
von Wien
Herrn
Anton Alexander Grafen
von Auersberg
abzugeben im Hause des Herrn
Grafen von Attems
in Gratz
Steyermark.

 
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Wien am 9 April 850

Lieber Bruder!

Ich ergreife mit großer Betrübniß die Feder, weil ich dir sagen muß daß ich auch in diesem Jahre meinen liebsten Wunsch nicht erfüllen kann, den Wunsch deinen Aufenthalt zu sehen und einige Tage bei dir zuzubringen. Ich bringe mein Übel nicht vom Halse und darf es daher auch nicht wagen nach Gratz und von dort zu dir zu gehen. So, wie mein Gesundheitszustand jetzt ist, bedürfte ich der täglichen, ja stündlichen Pflege fort und fort, und würde daher weder selbst ein Vergnügen genießen, noch Andern eines machen können, ja auch sogar dem nachsichtigsten Freunde nur zur Last fallen. Darum entschuldige und bedaure mich. Ginge es mir gegen den Herbst zu besser, so würde ich dann keinen Augenblick säumen von Lilienfeld aus diese Vergnügensreise zu unternehmen.

 
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Deinen Brief habe ich empfangen und noch a demselben Tage an Heller wegen Übersendung der Erde geschrieben aber erst heute erfahre ich, daß er selbst keine solche Erde hat. Er erwartet zwar welche, und will dir dann selbe schicken, allein ich habe ihm gesagt ich weiß nicht ob du sie dann noch brauchen kannst. Wäre sie dir noch immer willko_men, so schreibe selbst an ihn. Ich gehe am 4 Mai nach Lilienfeld.

Du willst wissen wie eine Stelle aus deinem Briefe an mich in die Europa geko_men ist. Ich kann es dir erklären. Als einst Hebbel bei mir war, las ich ihm diese Stelle, weil sie mir so außerordentlich gefiel, vor. Ich that dieses ohne deinen Namen zu nennen, sie machte auch auf ihn einen so großen Eindruck daß er sich dieselbe, von mir diktirt in die Brieftasche schrieb. Gewiß hat er sie dann in die Europa

 
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geschickt. Ich sehe nun daran weder etwas Unrechtes noch auch etwas Unangenehmes für dich, wohl aber etwas Angenehmes für die Leser der Europa

Ich muß dir zum Schluß noch eine wahre Anekdote melden, welche sich vor Kurzem hier zugetragen hat: Ein Schusterbube stolzirte durch die Straßen indem er vorne auf seinem Käppchen ein [durchgestrichen: ?] Papierblatt angeheftet hatte, worauf eine Kanone gemahlt war. Er wurde eingezogen und befragt was das zu bedeuten habe. Ja, schauen Sie, sagte er, ich habe bemerkt daß in meinem Kopfe eine Menge Wühlereien vorgehen und da habe ich mich bemüßigt gesehen meinen ganzen Kopf in den Belagerungszustand zu erklären.

Lebe wohl mein theurer Freund und laß mich auch in Lilienfeld nicht ohne Nachrichten von dir denn ich bin dort wie immer

Der Deinigste
IFCastelli

Meine Verehrung deiner Frau.

 
     
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