Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 29. Dezember 1849
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] jetzt Wien 29/12 49.

Mein innig geliebter Bruder!

Nicht bald hat mich etwas so außerordentlich gefreut, als dein liebes Geschenk, welches mir so unerwartet kam. Es wurde mir gerade zum Christkindel gebracht und da fühlte ich einen Augenblick wieder dasselbe Vergnügen, was ich in meinen Kinderjahren an diesem Tage empfand. Ich danke dir herzlich dafür Es ist sehr lieblich ausgestattet und gibt ein schöneres Neujahrs- und Weihnachtsgeschenk als alle die Taschenbücher mit den hölzernen Frauenbildern und abgeschmacktem Inhalt. Ich aber verschenke es nicht und bewahre es als ein theures Andenken auf.

Was kann ich Dir dagegen schicken? Doch ja, ich kann Dir vielerlei schicken, einen ungeheuren Pack wie du siehst, der aber auf der Wage der Poesie hoch in die Höhe geschnellt wird, wenn in der andern Wagschale auch nur ein einziges Gedicht von Dir ligt. Ich will es aber doch thun. Ich begehre zwar nicht daß Du den ganzen Wust selbst lesen sollst, aber du hast gewiß eine Schloßbibliothek, wo die Bände doch wieder einen Platz ausfüllen, und es besuchen dich wohl auch Damen welche eine leichte Lektüre lieben. Und wenn ich auch gar keinen anderen Zweck damit verbinde, so ist es doch der daß ich i6 Büchlein in deinen Händen weiß

 
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auf denen jedem mein Nahme dich an mich erinnert. Verschmähe also die Gabe nicht und laß dich das Porto nicht reuen. Die neuen politischen Gedichte in den einzelnen Zeitungsblättern wünschte ich aber doch daß Du sie selbst läsest, vor allen "Die alten und neuen Zöpfe" welche hier wirklich Aufsehen erregt haben.

Frage mich nicht wie es hier geht. Es geht leider gar nicht [durchgestrichen: ,] vorwärts. Wir sind noch immer exlegs und zittern unter der militärischen Zuchtruthe: Der neuerliche Verboth der "Presse" und besonders der abscheuliche Übergriff wegen kriegsrechtlicher Behandung der Pränumeranten hat ein allgemein schlechtes Blut gemacht. Selbst Leute, welche ganz conservativ gesinnt sind, fangen nach und nach an sich mißbilligend vernehmen zu lassen, und wenn wir nicht bald in den wahren constitutionellen Zustand eintreten, so sind neue Demonstrationen zu besorgen, welche wohl durch die große Militärmacht schnell[durchgestrichen: t] unterdrückt seyn werden, allein der Krebs der Unzufriedenheit wird in Innern langsam fortfressen und endlich den ganzen Staatskörper verzehren. Ein neues fürchterliches Proletariat bildet sich auch durch die armen brotlosen Patrimonialbeamten, welche bei den neuen Staatsanstellungen nicht berücksichtigt wurden. – Ich sehe schwarz, nicht wahr? – allein ich fürchte sogar noch roth zu sehen.

 
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Bey alle dem fangen die Wiener wieder an lustig zu werden. Lese im Humoristen mein "altes und neues Wien" und du wirst eine genaue Beschreibung dieser indolenten Lustbarkeit finden. Ja, man macht sogar wieder Wienerwitze. Ich theile Dir einige davon mit:

Man sagt der Kaiser liebe die Zauberflöte sehr, er singe in einem fort die Worte Sarastro’s:
Zur Liebe [durchgestrichen: will] [ergänzt: ka_n] ich dich nicht zwingen,
Doch geb’ ich Euch die Freiheit nicht.

Der Wahlspruch des Ministers Kraus soll sein: Fidibus unitis

Auf dem schwarzen Berg ist ein Bach und a Bruck da komt man zu einem dürren Feld, und das ist ein solcher Graus daß sie nicht wissen was sie thun.

Das allerdummste, was in neuester Zeit geschah ist: daß der Erzherzog Franz Carl seine silberne Hochzeit in einem Lande gefeiert hat, wo gar kein Zwanziger existiert.

Der Kaiser hat die Farbe verändert, er ist jetzt ganz grün. Übrigens ist er zwar noch blutjung aber doch schon ein Mordkerl.

 
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Von deinen Bekannten kann ich Dir nicht viel Neues melden. Bauernfeld ist der Alte, ein Rohr im Winde, sein Sickingen, den er nun schon einmahl geändert hat wird jetzt zur Aufführung kommen. Sein Amt hat er ganz aufgegeben. Dessauer ist wieder hier und hat eine Oper fertig. Ich selbst laborire an meinem alten Übel und werde immer mißmuthiger.

Ich schließe nun mit dem Wunsche dich bald in Wien zu sehen und mit der Bitte mich Deiner Frau zu empfehlen und mir bei Gelegenheit den Empfang dieser Sendung zu bestätigen

Dein alter getreuer
IFCastelli

 
     
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