Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 17. August 1849
 
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[Poststempel "Marktl [?] 18. Aug:"]
von Lilienfeld
Herrn
Anton Alexander Grafen
von Auersberg

 
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  über Laibach    
  Landstrass Thurn am Hart  
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] am i7 August 49.

Mein theurer Freund!

Es ist schon lange daß ich mit dir nicht gesprochen habe und ich folge nur dem Drange meines Herzens, indem ich es jetzt thue.

Erfahre für’s Erste was mit mir während dieser Zeit geschehen ist: Ich befand mich einen Monat in Baden, wo ich 30 Bäder gebrauchte, aber leider ohne Erfolg, da ich nach meiner Rückkehr von dort gleich wieder von der Gicht heimgesucht wurde. Auch mein fataler Husten, welcher mich, obwohl ihn die Aerzte den unschädlichen Husten der Alten nennen, doch sehr bedenklich macht, hat sich nicht verloren. Alle diese Flickereien halten nicht, ein Loch geht zu und das andere auf, bis das letzte Loch alle übrigen zudeckt. Während meines Aufenthalts in Baden habe ich Bauernfeld in Stuppach (: bei Glocknitz :) besucht, wo er sich bei Gutherz aufhält und sich in der Umgebung einer schönen Natur und in der Gesellschaft von Weibern und kleinen Kindern zu gefallen scheint. Ich habe an ihm den alten lieben, aber excentrischen Kerl wieder gefunden. Er gab mir ein kleines Fest, welches mich aber, anstatt mich zu erheitern, etwas trübe stimmte. Er ließ mir nämlich von den kleinen Gutherz’schen Kindern das: Allons enfants de la patrie vorsingen, welches er ihnen

 
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dazu einstudirt hatte, die Frauen und Mädchen mußten mit rothen Bändern, die Herren mit rothen Cravatten erscheinen, und Toaste auf Kossuth, Garibaldi etc: wurden ausge[durchgestrichen: ?]bracht. Alles freilich nur Scherz, aber mir ist der Scherz zu blutig und ich sehe im Hintergrunde etwas, was mich unangenehm berührt. Übrigens schreibt Bauernfeld fleißig und hat sein Stück: "Sickingen und dessen Freunde" schon zum zweiten Mahle ganz umgearbeitet. Es soll sein bestes und zugleich wirksamstes dramatisches Werk seyn, wie Kenner sagen, welche es gelesen haben: Auch sammelt er Schriften über den Wiener Congreß, zu welchem Zecke weiß ich nicht.

Mein Garten ist schön. Ich habe viele ganz neue Pflanzen, welche herrlich, aber bei der großen Hitze auch bald verblühen. Leider werde ich heuer meinen ländlichen Ruhesitz schon in der Hälfte Septembers verlassen müssen, da mir angerathen ist in Baden noch 30 Bäder zu nehmen, und da ich dann von dort gleich nach Wien zurückkehren werde.

 
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Was sagst du zu Schuselka’s Heirath? Ist es glaublich daß ein gescheiter Mensch so dumm seyn kann? Der Schriftsteller und der Mensch sind zwar zweierlei, aber der zweite hat den Ersten mit Straßenkoth beworfen. Man sagte in Wien: Die Brüning ist schon die rechte – – nun hat sich die Rechte mit der Linken vereinigt und das Centrum hat gar keine Opposition dagegen gemacht.

Ich hoffe daß du wohl bist, ich wünsche aber auch daß du wieder etwas von dir erscheinen ließest, Männer wie du könnten gewichtige Worte drein sprechen – – Doch nein! ich liebe dich zu sehr um dich aus deiner Ruhe aufzuschreien: Genieße sie; denn noch ist nicht die Zeit gekommen, wo man das allgemeine Fieber heilen kann.

Empfiehl mich deiner Frau, und hast du einen Viertelstunde frei, so opfere sie durch einige Zeilen

Deinem
IFCastelli

 
     
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