Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 17. April 1849
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] 17/4 49.

Mein theurer Bruder!

Erst vor wenigen Stunden habe ich Deinen lieben Brief erhalten und schon sitze ich am Schreibtisch dir wieder einen zu schreiben. Ich fühle mich bei jedem Zeichen Deiner Freundschaft für mich näher zu dir hingezogen und bin dir mit ganzer Seele ergeben. Schon das Materielle deines Briefes, Deine nette kleine Handschrift thut meinem Auge so wohl wie deine gemüthlichen Worte meinem Herzen. Könnte ein Mann in einen Anderen verliebt seyn, ich glaubte ich wäre es in Dich. Du siehst wohl, ich kann sogar schwärmen für dich, aber sage ja deiner Frau nichts davon, sonst könnte sie eifersüchtig auf mich werden.

Allein ohngeachtet meine Zuneigung für dich so groß ist, daß ich auf alle deine Worte schwören möchte, so wirst du es doch nicht dahin bringen daß ich deine Meinung hinsichtlich Deutschlands theile. Ich bitte dich sieh nur ein wenig was aus diesem Deutschland geworden ist, seine Vertreter haben sich und das Land mit Schmach bedeckt. Du kannst sagen, wer hätte das auch denken, wer voraussehen können? Ich habe es vom Anfange an gedacht und vorausgesehen. Es gibt auch dort, wo du sie suchst keine Deutschen, es wird eben nur Sachsen, Preussen, Bayern etc: geben: Österreich kann – wenigstens [durchgestrichen: nicht] in seinen jetzigen Bedrängnißen nicht allein bestehen, zugegeben; aber glaubst du daß die Anderen, die alle zusa_men kaum noch ein Österreich ausmachen, ohne dieses bestehen können? Ich sage nein! Soll sich Österreich

 
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unter Gesetze schwingen, die es in seinem innersten Kern verwunden, soll es seine großen Kräfte Jenen leihen, welche eben diese Kräfte brechen wollen? Niemehr! Aufgehen in Deutschland! Abscheulicher Gedanke! Untergehen um dort wieder aufzugehen, ja, das wollen, das fordern sie. Wie? die Democratie von Westen träten im Bunde und unter dem Einfluße der Cultur auf? Dann versteh ich da Wort Cultur nicht. Ich übersetze mir Cultur mit Bildung, finde aber überall nur Überbildung. Zeigte sich die Cultur etwa in der Paulskirche, oder bei Struve und Blind? Demokratie mit oder ohne Cultur bleibt Demokratie, beide riechen mir nach Blut, nur vielleicht daß die eine es etwas manierlicher abzapft als die andere: [durchgestrichen: Die] Jene Democratie, wie du sie verstehst, gibt es nicht, und wird es nie geben. Und wenn ich dir auch zugebe daß das ob eines Anschlusses vielleicht früher unzweifelhaft war, so ist doch das Wie jetzt nicht mehr zu finden, und dadurch das ob ganz unmöglich geworden. Kurz ich will nichts mehr von einem Anschluß wissen, wo wir nur Knechte wären. Ich bin, weiß Gott, von ganzem Herzen deutsch, aber ich will nicht noch deutscher werden als deutsch.

 
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Über Bauernfeld’s "neuen Mensch" denke ich eben auch wie du. Er hat mir das Stück geschickt und ich finde darin alles Grau in Grau, doch schreibt eine Louise Neumann es habe ein Beifallsgebrülle bei der Aufführung hervorgebracht, und Bauernfeld gilt nun für einen Versöhner. Ich freue mich übrigens für ihn in pekuniärer Hinsicht, es ist nothwendig, daß seine Werke gefallen und Geld tragen; denn seit dem Tode seines Pflegevaters fallen ihm auch die Kinder zur Last, und sein vortreffliches Herz auf einen, so wie seine Geringschätzung des nervi rerum gerendarum auf der anderen Seite fordern bedeutende Mittel.

Ich wünsche Dir Glück daß die Lebenslust bei dir wieder die Oberhand gewonnen hat. Kommst du einmal in mein Alter (: ich bin jetzt 68 :) so wird das nicht mehr möglich seyn, besonders wenn es dir so ergehen sollte wie mir, daß der Geist noch immer vorwärts will, aber von einem elenden Lehmkleks zurückgehalten wird. Also Wort und Hand [ergänzt: auf] einen gegenseitigen freundschaftlichen Nachruf in jenes unbekannte Land! Ich zwicke dich bei Nacht wenn du nicht Wort hältst.

Ich muß dich lieber Bruder dießmahl schon um etwas

 
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mehr Postporto bringen, indem ich dir einen kleinen Scherz von mir beilege, welcher, wie du in der Wienerzeitung gelesen haben wirst, so sehr gefallen hat, daß das Blatt worin er enthalten war eine dreifache Auflage erlebte. Ich hoffe nicht daß er dir eben gefallen wird, aber du wirst ihn doch einfach und natürlich finden, und vielleicht deinem Pfarrer einen Spaß machen können. Auf dem Lande amüsirt bald etwas.

Auch bin ich so frei Deiner Frau eine Arbeit von mir zu übersenden, die ich dem Fräulein Kurzrock in Gratz abgelernt habe: Ich wünsche nur daß nichts davon herab fällt.

Der Deinigste
IFCastelli

 
     
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