Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 21. März 1849
 
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[Poststempel "Marktl [?] 21. Mar:"]
von Lilienfeld
Herrn
A. Alexander Grafen von
Auersberg

 
    zu    
  über Laibach: 12  
  Landstrass Thurn am Hart  
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] 21/3 49.

Mein theurer Bruder!

Wieder hab’ ich eine Feststunde erlebt, als ich Deinen lieben Brief erhielt. Jetzt zeigt sich deine Freundschaft für mich im wohlthätigsten Lichte, und ich fühle wohl daß man vielen Schlechten verzeihen kann um eines einzigen Guten Willen.

Mit alle dem was Du mir wieder so Zutrauensvoll über Deine Gesinnung sagst bin ich vollkommen einverstanden. Ich denke und fühle eben so, allein ich bin nicht im Stande mich so klar und schön über meine Gedanken auszudrücken, wie Du. Nur der innige Anschluß an Deutschland hat mir niemals gefallen wollen; denn ich habe voraus gesehen, was geko_men ist. Jene, welche in Frankfurth sitzen und ein einiges Deutschland schaffen wollen sind keine Deutschen, sondern verkappte Pohlen und Franzosen. Diese wissen aber doch noch was sie wollen, aber die dummen österreichischen Deputirten wissen gar nichts und wollen das Schlechteste. Ich danke nur meinem Gott daß ich nicht mehr jung und kräftig bin, wär’ ich es, ich würde vielleicht auch gesucht haben, irgendwo für mein Vaterland zu wirken, und hienge vielleicht schon an irgend einem Laternenpfahl; denn gegenüber von solcher Bagage wäre ich ohngeachtet meines Phlegma’s wüthend geworden.

 
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Übrigens halte ich doch dafür es werde jetzt [durchgestrichen: doch] eine bessere Zeit [durchgestrichen: ge]kommen. Der Reichstag ist auseinandergesprengt und die Verfassung wird doch endlich den Weg zu Recht und Ordnung anbahnen. Ist sie auch nicht ganz so, wie vielleicht zu wünschen wäre so ist ja noch nicht aller Tage Abend und fortschreiten können wir ja immer noch. Jetzt wäre das "Langsam voran" was man den Österreichern immer vorgeworfen hat, das Bessere. Wenn wir nun mit Italien und Ungarn glücklich fertig werden, das Übrige wird sich geben. Laß uns nicht alle Hoffnung verlieren!

Um Bauernfeld bangt mir im Ernste: Ein so tüchtiger Mensch und so inconsequent. Eben jetzt, wo man glaubte er werde den Zenith seines Wirkens erreichen, ist er, – ich möchte fast sagen verschollen. Hast du seine Studien in der ostdeutschen Post gelesen? Ich finde sie witzig, geistreich, treffend, aber ich finde keine eigentliche Gesinnung darin, sie nützen nichts und schaden nichts, ich meine aber Bauernfeld wäre der Mann der nützen könnte und sollte. Er hackt in den Studien links und rechts herum und macht dabey einen Bückling, mir kömmt das Ding vor als ob er mit einer Sammetpfote geschrieben hätte, welche kratzt.

 
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Du äußerst in deinem Brief den freundlichsten Antheil an meinen Gesundheitsumständen. O mein Lieber! meine gänzliche Genesung werde ich dir wohl nicht mehr melden können; denn ich merke wohl ich leide an einem Brustübel, welches schwer zu heilen ist. Ich huste viel! – Ich bin zwar 68 Jahre alt, allein ich habe mir doch noch zu kurz gelebt, und aufrichtig gestanden, ich scheue den Tod. Könnt’ ich es nur so weit bringen als Bauernfeld, welcher mich versicherte, ihm komme der Tod nicht schrecklich vor und er fühle bloß Neugierde, wie denn das Sterben eigentlich seyn wird. Eine Bitte hätte ich wohl an dich, sie klingt anmaßend, lächerlich wenn du willst, aber ich wage sie doch: Willst du mir versprechen, mich nach dem Tode dadurch zu ehren daß du mir ein paar Zeilen von deiner Feder und aus deinem Herzen nachsendest?

Das Büchlein von Brunner kann ich dir nicht schicken, ich habe es schon nach Wien zurück gegeben. Ich rathe dir aber dir den blöden Ritter, das Nebeljungenlied und noch mehres von Brunner zu verschaffen, es ist immer der Mühe werth seine Sachen zu lesen.

Gruß und Bruderkuß und die besten Wünsche für dein Wohl
von Deinem
IFCastelli

Warum schreibst du noch "Wohlgeboren"
(Zopf!)

 
     
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