Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 2. März 1849
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] den 2 März 49

Mein sehr theurer Freund!

Unter einer großen Anzahl traurig und mit Abscheu verlebter Tage war dein freundlicher Brief wieder einmahl ein Sonnenblick in der trüben Öde unserer Zeit. Er traf mich eben als ich die fürchterlichsten körperlichen Schmerzen litt. Als ich nämlich von Weitra nach Lilienfeld zurück gekehrt war, befiel mich ein fürchterlicher Gichtanfall, der sich sogar entzündlich gestaltete und mir den rechten Arm lähmte. Drei Wochen mußte ich die unleidlichsten Schmerzen dulden, Blutegel mein rosenrothes Junggesellenblut saugen lassen, und mich ganz in Umschläge emballiren lassen. Noch jetzt regiere ich die Feder nur mit der größten Mühe; allein es drängt mich mit dir mich zu besprechen und somit überwinde ich die Schmerzen und schreibe diese Zeilen.

Wo soll ich anfangen; wo enden wenn ich das Capitel unserer politischen Zustände berühren will? Es ekelt mir vor dem unreifen Treiben unserer Weltverbesserer, wie vor dem unreifen Obst. Ich hasse die Conservativen wie die Radikalen, [durchgestrichen: den] die Weinschenke in Frankfurt wie das Bierhaus in Kremsier, den Hof wie das Ministerium und habe nur noch Achtung, ja sogar Bewunderung für das Militär. Wohin und wie überweit ist das so glorreich begonnene Werk der Befreiung gediehen? Was sollen wir mit einer Freiheit

 
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die Keiner versteht und Jeder zu seinem privat-Nutzen ausbeuten will? Wohin soll es kommen, wenn Wissenschaften, Künste, Handel Gewerbe so fort darnieder ligen? Was wird aus denen werden, welche noch etwas besitzen, wenn die Anderen nichts mehr besitzen? Ich sehe nur Verwirrung, Ungesetzlichkeit, Unsicherheit, Elend, Noth, Mord und Todtschlag vor mir. Ich weiß wahrhaftig nicht ob ich in Mariazell nicht 100 Messen lesen lassen soll, damit Metternich und Sedlnitzky wieder kommen; denn, so schlecht sie waren, sie waren noch immer gescheidter als unsere jetzigen Volksrepräsentanten

Doch genug davon! es regt mich zu stark auf von diesen Dingen zu sprechen, [durchgestrichen: ich] du magst dir alles Ubrige selbst denken; denn ich bin im voraus überzeugt, du denkst so wie ich.

Wann ich Wien sehen werde, weiß ich nicht, ich verabscheue diese Cloacke wahnsinniger Überspannung auf einer und unbegreiflicher Dummheit auf der anderen Seite. Meinethalben mag in den Straßen dieser sonst so fröhlichen und gemüthlichen Stadt Gras wachsen, sie haben es sich selbst gethan, ich sage wie unsere Bauern, als man sie zum Landsturm aufstoderte [?]: "Was sie sich selbst eingebrockt haben, sollen sie auch selbst fressen." Soll ich jetzt fast lauter Hallunken

 
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sehen, die einst meine guten Freunde waren? Ich muß Dir aufrichtig gestehen, ich bin selbst mit Bauernfeld nicht zufrieden. Er, der Anfangs so großes that, und seine Gesundheit aufopferte, hat später gar nichts mehr gethan, als sich, wie ich erfuhr in allen Cirkeln heiser geschrie[durchgestrichen: b]en. Hammer schrieb mir wörtlich Folgendes: "Zwei der schlimmsten sind Bauernfeld und Frankl, dem Ersten war selbst Doblhoff zu wenig radikal und der Zweite hat noch am [unleserlich] Morgens dem Custos Bergmann gesagt daß bei der ersten Kugel von Seite des Militärs die Burg angezündet und die Nationalbank geplündert werden müsse."

Was du mir über die Verluste an deinem Vermögen schreibst, ist sehr bedauerlich, allein du wirst dich einzuschränken und zu fassen wissen, der Verlust der Lust zum Schaffen ist viel bedeutender und ich glaube du wirst diesen sehr schwer fühlen. Gott im Himmel! wer hätte gedacht daß man Anastasius Grün einmahl einen Conservativen und Schwarzgelben nennen würde? Doch ermanne dich Bruder! schaffe einstweilen für dich, es kommt noch eine Zeit, wo die Welt begierig nach dem verlangen wird, was du einstweilen in dem Pult verschließen mußt. Du wirst diese Zeit erleben, ich nicht mehr! –

 
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Apropos! Hast du Sebastian Brunner’s blöde Ritter gelesen. Der geistliche Herr hackt auch auf dich los. Ich schreibe dir einige Strophen ab.

1
Reiche Cavaliere aber
Fortschritt kündend voll Entzücken
Spielen Krebse, die ganz stille
Ihre Unterthanen zwicken

2
Das ist leicht am offnen Markte
Und in Büchern Freiheit künden
Und zu Hause auf der Herrschaft
Systematisch Bauern schinden

3
Kann ein Freiheitsdichter schöner
Seine hohen Lieder siegeln
Als wenn er in Furcht und Angst lebt
Daß ihn seine Bauern prügeln.

4
Ein Spaziergang ist viel sichrer
Eines Wiener Herrn Poeten
Auf Regierung schmähn und schimpfen
Und dabei das Pflaster treten

5
Doch um’s Schloß des gnäd’gen Herren
Ist’s im Walde nicht ganz sicher
Denn es lesen nicht die Bauern
Ihrer guten Herrschaft Bücher

6
Ja, sie haben ein Gelüste
Die erbärmlich niedren Tropfen
Eines edlen Freiheitssängers
Pelz gehörig auszuklopfen

7
Ob sie nicht Verlangen tragen
Gar das Schloß zu Grund zu richten
Ach! das gäbe Stoff zum Denken
Und auf neuen "Schutt" zu dichten

8
Als das größte Übel zeigt sich
Daß die Bauern gar nichts lesen
Das ist Schuld an allem Unfug
Und am Bauernkrieg gewesen

etc: etc: etc:

Ich lege dir auch eine Verselei von mir bei, die ich unter dem Namen Cosmos geschrieben.

Jetzt hab’ ich genug mit einem gichtischen Arme geschrieben Lebe wohl und willst du mir eine vergnügliche Stunde verschaffen so schreibe mir bald wieder

Dein
IFCastelli

Deiner Frau meine Verehrung!

 
     
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