Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 18. Mai 1848
 
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[Poststempel "Marktl [?] 18. Mai"]
von Lilienfeld
Herrn
Anton Alexander Grafen
von Auersberg
zu
Gratz
in Steyermark

 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] 18/5. 48

Verehrter Freund!

Ich weiß recht wohl daß es jetzt nicht an der Zeit ist an etwas Anderes, als an die großen Ereignisse der Gegenwart zu denken, allein es gibt noch Leute die auch an Kleinigkeiten hängen, besonders wenn sie schon wie durch Uneinigkeit, persönliches Interesse, übertriebene Forderungen u.s.w. gegen das Höchste und Heiligste angekämpft wird, und unter diese Leute gehöre ich. Ich preise mich glücklich hier in meinen Bergen zu seyn, wo noch Alles so ruhig ist daß die Bauern glauben die auf meinem Balcon ausgesteckte deutsche Fahne sey ein Zeichen daß ich Wien ausschenken wolle:

In diesem ruhigen Zustande nun denke ich sogar an mein Taschenbuch und an dein Versprechen mir

 
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ganz gewiß einen Beitrag dazu zu geben. Es ist hiezu die höchste Zeit und bey der freien Presse kannst du geben was du willst. Ich warte daher mit Sehnsucht darauf. Ich sehe dich zwar lächeln und höre dich sagen wie kann man nun an so etwas denken; allein es wird doch eine Zeit kommen wo man das ewige Einerley müde wird und von Kriegs- und Grobheits-Literatur sich ein Stündchen gerne im Garten mit einfachen dichterischen Blüthen geschmückt ergehen wird. Und sollte dieß auch nicht seyn; die Namen welche das Büchlein in diesem Jahre enthalten wird werden es doch empfehlen.

 
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Also gib Bruder, gib, aber schnell.

Bauernfeld war i8 Tage bei mir und hat sich dick und fett gegessen, getrunken und gelaufen. Vorgestern ist er nach Wien zurück gekehrt, wo er vermuthlich dem neuen Minister Doblhoff mit Rath und Tath an die Hand gehen wird. Bey seiner ungeheuren Erregsamkeit wünsche ich mir daß er sich nicht zu tief einläßt. Er hat mir versprochen, wenn’s ihm zu arg wird, wieder zu mir zu ko_men:

Gott sey mit dir lieber Bruder und mit uns Allen.

Dein
IFCastelli

 
     
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