Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 10. Mai 1847
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] jetzt Wien 10/5 47

Verehrter Freund!

Täglich warte ich mit Sehnsucht auf das versprochene Gedicht und es kommt nicht. So viel Zeit wirst du doch bei deinen ungeheuern Administrationsgeschäften finden um eines abzuschreiben und mir zu senden. Die Zeit drängt; denn wir haben den Druck bereits begonnen. Also bitte ich dich sehr da citissime!

Ich bin ganz auf dem Hund. Die Gicht setzt mir im Kopf und auf der Brust zu, darum habe ich auch bis jetzt Wien noch nicht verlassen können, doch hoffe ich am 22t d: nach Lilienfeld

 
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abreisen zu können. Wirst du mich heuer dort besuchen, und vielleicht gar mit Frau, oder vielleicht gar die Frau ohne dich?

Höre! und wundere dich! Die lange verschollene Akademie kommt doch endlich einmal an’s Tageslicht. Sie haben letzthin eine ultimatum-Sitzung gehalten worin bestimmt worden ist daß nur die Sekretäre besoldet werden, die übrigen Akademiker aber keine Besoldung bekommen. Auch werden vom Kaiser nur 8 Akademiker, die übrigen aber von der Akademie sehr gewählt. Weiter weiß man noch nichts.

 
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Bauernfeld ist wohl und spielt fleißig im Verein. Herrmansthal’s Trauerspiel Ziani und seine Braut hat sehr gefallen.

Lebe wohl. Ich muß dein Gedicht vor meiner Abreise haben, laß nicht im Stiche

Deinen
IFCastelli

 
     
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