Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Lilienfeld, am 24. August 1846
 
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[Poststempel "Marktl [?] 26. Aug:"]
von Lilienfeld
Seiner Hochgeboren
Herrn Anton Alexander

 
  Grafen von Auersberg    
    zu  
  über Laibach    
  Landstrass Thurm am Hart  
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[geschrieben von Eduard von Bauernfeld:]
[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."]

Lieber Freund!

Von der obigen Titelvignette ist in Wirklichkeit nichts zu sehen – de_n schwere dicke Nebel hängen bis zur Erde herunter, und eine graue Regen-Atmosphäre hüllt Berg und Thal u. uns selber ein. Unter solchen Umständen ist in den nächsten Tagen an ein Weiterreisen nicht zu denken; beinahe unmöglich ist es aber, den Tag der Abreise genau fest zu setzen, da man in der Regel hier gar keine Pferde beko_mt (ich glaube, das ist eine der Wirkungen des Castelli’schen Vereins [?]) weshalb man die Bestien nehmen muß, we_n man sie eben kriegt. Jedenfalls geh’ ich in den letzten Tagen d. M. nach Gratz, vermutlich

 
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allein, de_n Freund Castelli scheint [unleserlich] Anf. Sept. bin ich in Cilli, und respective in Thurn am Hart. Sende mir jedoch kein Pferd entgegen; es werden deren wohl in Cilli zu finden seyn Verhält es sich anders, so sei so gut, mir augenblicklich poste restante nach Gratz zu schreiben, wo ich jedenfalls über Nacht (vielleicht Einen oder Zwei Tage) bleibe. Empfiehl mich Deiner Gemahli_n. Castelli will einige Zeilen beifügen.

<Dein>
Bauernfeld.

24/8 46.

 
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[geschrieben von Ignaz Franz Castelli:]

Werther Freund!

Ich bin alt und miselsüchtig. In diesem Augenblick plagt mich Schnupfen und Husten, dabei fällt ein Wetter ein, daß es fast besser wäre, es wäre gar kein Wetter. Der Herbst ist da, wo im Gebirge die ewigen Nebel ziehen; die Abende werden lang kühl und naß. Bei solchen Umständen werde ich es kaum wagen dürfen [durchgestrichen: ?] den weiten Weg zu machen und werde daher auch mein größtes Vergnügen Verzicht leisten müssen. – Bauernfeld selbst ist in diesem Augenblick unwohl und hat heute die ganze Nacht Fieber gehabt.

Rechnen Sie also – ich bitte Sie – nicht meinem Willen: sondern meiner körperlichen Erbärmlichkeit zu wenn ich Sie nicht besuche. Bei mir müßte es in früherer Jahreszeit geschehen. Es ist nicht Affektation sondern Kenntniß meiner Selbst, welche es mir verbiethet. Noch kömmt dazu daß Bauernfeld im Rückwege gleich von Graz nach Wien zurück fährt und ich den Weg hieher allein machen müßte.

Anstatt mir zu zürnen bedauern Sie

Ihren
IFCastelli

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau und foppen Sie für mich den Pfarrer.

 
     
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