Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 26. November 1845
 
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[Poststempel "Wien 27. Nov:"]
von Wien
Seiner Hochgeboren
Herrn Anton Alexander Grafen
von Auersberg

 
    zu    
  über Laibach    
  Landstrass Thurm am Hart
Krain
 
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[Titelvignette "Berghof zu Lilienfeld."] jetzt Wien d<en> 26 9br [?] 45

Verehrter Freund!

Sie haben mir herrliche wälsche Nüsse aufgesetzt, und wußten daß ich keine Zähne habe um sie zu beissen, Sie haben mich zu einem schönen Mädchen geführt und wußten daß mich dieser Anblick nur aufregen würde, ohne daß mir der Genuß erlaubt ist. Sie haben mir ein herrliches Gedicht für mein Taschenbuch gesandt und wußten daß dieß die Censur gewiß nicht erlauben würde. Doch schmeicheln Sie sich ja nicht mich mystifizirt, oder wie man bei uns sagt aufsitzen gelassen zu haben. Ich habe es gleich nach dem Empfang vorausgesehen daß da ein dicker Strich durch gemacht werden wird. Aber ich habe es dennoch der Censur vorgelegt, aus Bosheit vorgelegt, weil ich hoffte Sie, der Verfasser, und ich der Überreicher würden beide eingesperrt werden. Allein leider ist dieß nicht geschehen und nur ein ganz einfaches non admittitur war die ganze Folge.

 
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Nun aber vernehmen Sie was ich zum Ersatz dafür fordere: Mein Taschenbuch feyert im J 47 seinen 25[durchgestrichen: jähr]ten Geburtstag. Dieses silberne Fest wollen wir nun, ich und mein Verleger durch die bestmöglichste innere und äußere Ausstattung feierlich begehn. Es soll ein Werkchen werden, wie Wien kein zweites aufzuweisen hat. Da darf nun Anastasius nicht fehlen. Ich erwarte von ihm längstens im Jänner 846 ein Gedicht, schön, wie er sie stets macht, aber auch dabei unschuldig wie er selbst – nicht ist. Bekomme ich es noch in diesem Jahre, so wäre es mir noch lieber, aber haben muß ich etwas.

Wollen Sie von mir etwas wissen, so sage ich Ihnen daß ich diesen Sommer hoffte Sie mit Ihrer Frau bei mir in Lilienfeld zu sehen – daß ich am 14 Oktbr von dort nach Wien [durchgestrichen: ke] zurückkehrte und gleich am folgenden Tage von einer gefährlichen Krankheit heimgesucht wurde. Ich bekam nämlich ein Halsgeschwür, welches mir den Athem benahm und mir den Garaus gemacht haben würde, wenn es nicht glücklicher Weise geplatzt wäre.

 
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Laube war hier und Hoftheater und Censur haben ihn bald wieder vertrieben. Er ist traitabler als Gutzkow, sieht aber einem Halunken gleich wie ein Ei dem andern.

Bauernfeld ist von seiner Reise zurück und schimpft wie früher. Jemand sagte mit Recht wenn der einmal stirbt so muß seine Goschen allein, und zwar einige Klafter tiefer als sein Körper begraben werden.

Auf die Literaturpetition verordnet ein kaiserliches Handbillet die Aufstellung eines Censur-Collegiums, welches aus Hofräthen aller Hofstellen und Literatn zusammen gesetzt werden soll. Allein Graf Sedlnitzky läßt das Hofdekret liegen und thut wie früher, ja noch ärger, denn nach neuern Censurschriften dürften jetzt auch streng wissenschaftliche Bücher von den Buchhändlern nicht ohne Censur hinausgegeben werden. Deinhardstein ist jetzt General-Censor aller hiesigen Blätter – o! – ach! – uf! – uije!

Haben Sie davon genug? ich auch.

Ihr
IFCastelli

Den schönsten Gruß an Ihre Frau.

 
     
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