Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 2. Februar 1843
 
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Wien am 2 Febr 843

Mein verehrter Freund!

Ich zog Erkundigung ein, ob wir Sie bald in unseren Mauern sehen würden, da ich aber hierüber nichts gewisses erfahren konnte, so hielt ich es für eine Freundschaftspflicht Ihnen bei Annäherung des Frühlings die beiligenden Saamen zu übersenden, welche ich von der Gartenbaugesellschaft für Sie erhalten habe. Sie werden hieraus und aus dem angeschlossenen Verzeichniße sehen, wie freigebig diese Gesellschaft schon jetzt gegen ihre Mitglieder ist, und was sich in der Zukunft noch von ihr erwarten läßt.

Ich sende Ihnen außer diesen noch Ihr Diplom und ein Exemplar meines Taschenbuches, worin Ihr Gedicht glänzt, welches die Rezensenten, nähmentlich die literarischen Blätter und der Berliner Gesellschafter mit der höchsten und gerechtesten Anerkennung besprochen haben. Mein Taschenbuch ist heuer in 2000 Auflage gänzlich vergriffen.

Captandi benevolentiae causa, und um für den künftigen Jahrgang wieder mit einem Beitrag von Ihnen beglückt zu werden benütze ich die folgenden Spalten dieses Briefes um Ihnen wieder einige Wiener Witze oder vielmehr Spässe mitzuschicken die Sie – o ennorme Unterhaltung! – Ihrem Herrn Pfarrer vorlesen mögen.

 
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Auf dem Burgplatz wurde die Grundfeste zum Monument des Kaisers Franz ausgegraben. Jemand trat zu den Arbeitern und fragte Einen: Was macht Ihr denn da? – Dieser antwortete: Wir suchen einen Grund zum Monumente des verstorbenen Kaisers.

Zwey kamen in einem Wirthshause in einen Streit Da schrie der Eine im höchsten Zorn: Wenn Sie glauben, daß Sie der sind, der ich bin, so sind Sie ein Esel.

Ein Arzt wurde zu einem Manne gerufen, welcher sich fast immer französischer Wörter bediente, aber fast alle falsch aussprach:
Arzt Was fehlt Ihnen denn?
Kranker Gestern hab’ ich den ganzen Tag gebrochen und heut Nacht gebrochen und abgeführt, jetzt machen Sie sich ein Diner (: Idee :) davon Herr Doktor, was ich ausgestanden habe.

(Lokales Buchstabenräthsel): M. N. i f 30 x
Auflösung: Emmenthaler

Ein Ungar wohnte im Gasthof zur Stadt Frankfurt Neben ihm wohnte ein Anderer, der plötzlich Bauchgri_men

 
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bekam und daher zum Chirurg sandte, er möchte ko_men und ihm ein Clystier appliciren. Der Chyrurg kam in das unrechte Zimmer zum Ungar.
Ungar Wer sind Sie?
Chyr Der Chyrurg nebenan.
Ungar Brauch ich Sie nicht, bin ich schon nasert.
Chyr Nein, ich komme wegen der Clystier
Ungar Ah – bahsam Terremtetet [?] hab’ ich immer gehört daß Wiener Polizey gut ist, aber das ist unglaublich, daß sie sogar weiß daß ich schon 4 Tage nicht Leibesöffnung gehabt habe.

Ein anderer Ungar lehrte einem Mädchen die ungarische Sprache: Fräule! sagte er zu ihr. Wir haben in magyarische Sprach zwey A ein tiefes å – å wie z.B. in Wort Båtsch! und ein sehr hohes A wie z.B. in Wort Schas.

Nehmen Sie mit diesen wohlriechenden Mittheilungen vorlieb und beglücken Sie mich recht bald mit einigen Zeilen, wollten Sie diesen auch andere beifügen, die ich drucken lassen kann, so würden Sie mich vollends zu Ihrem Schuldner machen.

 
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Empfehlen Sie mich gütigst Ihrer Frau Gemahlinn, [durchgestrichen: und] besonders aber, wenn sie an der Staffeley sitzt und etwas mahlt.

Der Ihrige
Dr IFCastelli

 
     
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