Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 30. Jänner 1842
 
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[Poststempel "Landstrass 7. Feb."]
[Poststempel "Wien 2. Feb:"]
von Wien
An Seine
Des Herrn Anton Alexander
Grafen von Auersberg
Hochgeboren

 
  zu  
über Laibach  
Landstrass [durchgestrichen: Thurm am Hart] [ergänzt: Gratz]

[ergänzt: abgereist nach Gratz]

[ergänzt: abzugeben in Graf Athemsischen
Hause zu Gratz]

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Wien am 30 Jänner 842

Verehrter Freund!

Zweimal hab’ ich Ihnen ein Packchen Neuigkeiten und Wiener-Spässe gesandt, aber das versprochene Honorar dafür, nämlich ein Gedicht aus Ihrer Feder nicht erhalten. Wenn auch meine Dummheiten eines klugen Beitrages nicht werth sind, so haben Sie es einmahl versprochen und der Mann muß Wort halten. Ich würde meine Berichte demohngeachtet fortgesetzt haben, allein Theils war ich selbst abwesend von Wien und es kam mir daher von den Wiener bon-mots nichts zu Ohren, Theils aber war ich auch mit einem Augenübel behaftet, welches mich am Schreiben hinderte, und welches mich noch immer besorgt macht. Noch einmahl will ich Ihnen eine Sendung machen und sehen, ob denn diese auch nichts nützt, also ad rem! und zwar

I Criminalisches

Sie haben gehört von dem schändlichen Pfaffen, der einen Knaben zu Todt buzerirt [?] hat, er ist ohngeachtet dessen daß man die Sache von geistlicher Seite vertuschen wollte, eingezogen und dem Criminaln übergeben. – Ein zweiter schändlicher Kerl, ein Zimmermahler hat sich mit demselben Vergnügen a posteriori abgegeben und den gebrauchten Knaben von der Bastey in den Stadtgraben hinabgestoßen. Auch diesen erwartet eine Strafe. – Sie sehen es gibt jetzt bei uns fast lauter Hinterlistige.

 
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II Literarisches

Grillparzer schläft auf seinen Lorbeern, vielleicht hat er wohl auch manchmal Träume, die er aber für sich behält und nicht in’s Publikum kommen läßt. – Zedlitz ist bloß ein Mann der höchsten Salons. Mit gemeinen Menschen gibt er sich gar nicht mehr [ergänzt: ab], ist ganz Sau und wird auch feist wie eine Sau, man weiß noch nicht wann ihn Metternich abschlachten wird. Halm (: Baron Münch :) hat ein neues romantisches Schauspiel: Der Sohn der [durchgestrichen: Wid] Wildniß auf dem Burgtheater geben lassen, das allgemein sehr großen Beifall gehabt hat. Man spricht sehr viel von der Diktion also vermuthlich der Rahmen besser, als das Gemälde. – Holbein hält die Herren und Damen des Hoftheaters brav in dem Corder [?], überfüttert das Publikum mit Neuigkeiten, so daß ein neues Stück das andere umbringt, hat aber die Honorare für die Dichter bedeutend herab gesetzt. – Der österreichische Parnaß der Ihnen wohl zu Gesicht geko_men seyn wird, hat hier ungeheure Sensation erregt. Die hohen Herren fürchten es könnte auch einmahl ein solches Libell gegen sie erscheinen. – Schlechta soll sich – sonderbar genug – darüber aufgehalten haben daß er nicht darin vorkommt.

III Sonstiges

Diesen Winter verirrte sich ein wilder Ochse in die Stadt, [durchgestrichen: und] kam in die Burg und zwar in die [durchgestrichen: ?] Küche. Darüber gab es nun unzählige bonmots. Die besseren sind folgende: Man sagte: Dieser Ochse sey der Geist des verstorbenen Oberstküchenmeisters Landgrafen Fürstenberg gewesen, der sich noch einmahl in seinem Departement umsehen wollte.

 
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Man sagte: Es sey ganz klar daß dieß ein wirklicher Ochse gewesen sey, da er so dumm war bey seinen Verwandten Hilfe zu suchen. Man sagt: das sey der einzige Ochse gewesen, der in die Hofküche kam ohne daß von ihm für die Küchenparthey etwas abgefallen wäre. Man sagt, die Soldaten, welche zu Hilfe gerufen worden sey hätten sich geweigert einen Hofochsen zu erschießen. Man sagt die Erzherzoginn Sophie habe zu Weihnachten für ihre Kinder eine Krippe machen wollen und dazu habe sie einen Ochsen gebraucht; denn Esel habe sie ohnedieß genug gehabt.

Nestroy hat ein französisches Stück von de Kock "la fille de Fauxbourg unter dem Titel Das Mädchen aus der Vorstadt aufführen lassen. Nun behauptet man Nestroy sey der schlechteste Mensch in Wien, weil er ein Mädel erst bearbeitet und dann auf die Bühne gebracht hat.

Andere aber sagen, eben dieses Mädel sey die hartnäckigste [?] Jungfer gewesen, da man zwanzigmahl nicht hinein gekonnt [?] hat (: es war immer sehr voll)

Die junge Pianistin Sophie Bohrer gibt jetzt Conzerte Ein Mann der den Conzert[durchgestrichen: ?]zettel las behauptete der Erzherzog Franz Carl gebe unter einem anderen Namen diese Conzerte weil er der wahre Sophien-Bohrer sey.

Vom Pesther Markt schrieb ein Kaufmann an seinen Wiener Freund: "Die Tuch geht herab, die Leinwand hinauf und die [unleserlich] Waare hat einen Stoß beko_men.

Ein Knabe kam zu einem Kässtecher und begehrte Hofdamenkäs – Den haben wir nicht, wir haben Schweizer, Emmenthaler usw. aber keinen Hofdamenkäs. – Ey ja, dort hängt ja einer. – Welcher? – Dort der großleubige [?].

 
  Seite 1 – oben an den Rand geschrieben  
 

Das hat mir Mühe genug gekostet. Für dießmahl genug! Wie ist’s nun Herr Graf, bekomm’ ich was?

Ergebener
IFCastelli

 
     
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