Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 7. Mai 1841
 
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Wien am 7 Mai 841

Mein sehr werther Freund!

Auf Ihre mir so theuren paar Zeilen antworte ich Ihnen, daß es zum Eintritte bei dem Gartenvereine zwey Abstufungen gibt: Man kann 100 fl CM beym Eintritte und 20 fl CM alle Jahre zahlen oder man kann 20 fl beym Eintritte und 15 fl alle Jahre entrichten. In beiden Fällen wird man Mitglied, aber im ersteren wird man als ein Begründer angesehen und hat größere Rechte. Schreiben Sie also welchen von beiden Wegen Sie wählen wollen, und beym Hundertguldenweg senden Sie gütigst das Geld gleich mit, denn ein armer Beamter, der sich überdieß noch ganz durch Bau zu Grunde gerichtet hat, besitzt keinen Credit, und kann keinen bedeutenden geben.

Hier folgen wieder einige Vindobonensia, aber leider gibt es jetzt wenig Spaß und die Schusterbubenader versiegt ganz. Nehmen Sie damit Vorlieb und seyen Sie großmüthig, und schicken Sie mir das Gedicht recht bald denn am 25 Mai gehe ich von hier ab und bleibe 2 Monate in Lilienfeld. Ich muß früher das Gedicht haben und in die Censur geben, sonst wird es zu spät.

Die berühmte H – [unleserlich] Henriette Rottmann hat sich ein Haus gekauft. Man fragte wie sie zu dem Gelde geko_men. Durch fleißiges Zurücklegen war die Antwort

 
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Deinhardstein ist vom Direktoriat entlassen. Er wurde stabiler Censor. Jemand wunderte sich höchlich [?], wie man den Mann zur Censur nehmen konnte, da er doch die Denker (: Schauspielerinn dieses Namens :) protegirt.

Graf Moriz Dietrichstein hat in dem Antikenkabinet den alten Bronce-Figuren allen mit eigener hoher Hand die kleinen Schwanzeln mit Wachs verklebt (: buchstäblichwahr :)

Bey der Statt gehabten Rekrutierung traf es dießmahl die i9jährigen. Im Rekrutierungsamt stand neulich angeschrieben. Hier werden nicht nur Neunzehner, sondern auch Zwanziger genommen.

Ich weiß dießmahl meiner armen Seele nicht mehr neues und schließe daher mit dem Alten

der ich immer bin und bleiben werde
IFCastelli

Ich erwarte bald, bälder am baldestesten Brief und Gedicht

 
     
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