Brief von Ignaz Franz Castelli an Anastasius Grün
Wien, am 12. März 1841
 
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[Poststempel "Wien 14. Mar:"]
von Wien
Seiner Hochgeboren
Herrn A. A. Grafen von
Auersperg k. k. Kämmerer
und Gutsbesitzer

 
  zu  
über Laibach    
Landstrass   Thurm am Hart
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Wien am i2 März 841

Mein werther Freund und Graf!
Sie werden sagen: der Castelli ist brav!

Darum halte ich mein Wort und schreibe Ihnen schon eine Lieferung Wiener-Dummheiten obschon ich noch nicht weiß, ob Sie mein Brief auch schon zu Hause antrifft, allein, obwohl halten bäurisch ist, so halte ich doch stets was ich verspreche, beweisen Sie mir im Gegentheile daß nicht nur das Versprechen allein herrisch sey und senden Sie mir bald das Gedicht für meine Huldigung; denn ich muß es der Censur auch bald übergeben soll es für 842 das Licht der Welt erblicken.

Also hören Sie und erzählen Sie weiter was, wo und wann Sie wollen.

1
Mama! sagte ein kleines Mädchen, indem es seiner Mutter die Grammaire auf den Tisch legte, ich mag nicht französisch lernen, das ist ja eine abscheuliche Sprache, stellen Sie sich nur vor ein Weib heißt auf französisch infam (une femme)

2
Ein Mann ging alle Tage auf den Graben und sah Stunden lange zu wie das Loch, welches durch die abgetragenen Häuser entstanden war, ausgefüllt wurde. Ein Bekannter fragte ihn warum er denn da immer zuschaue. O! antwortete er, das ist ja ein wahres Wunderwerk! Ich habe auf dem Graben noch kein Loch gesehen, was immer enger wird.

 
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3
Mama Meine Tochter kann schon recht hübsch französisch sage mir Mali was heißt Mond auf französisch?
Kind stottert und weiß es nicht.
Mama Was heißt Sonne
Kind weiß es wieder nicht und weint.
Mama Du bist gar zu unaufmerksam, wenn du dir’s nicht besser merken wirst so werde ich dir eine Strafe geben. Was heißt Sessel?
Kind weiß es abermals nicht
Mama (ärgerlich) das hab ich dir doch schon zwanzigmahl gesagt, daß Sessel la chaise heißt
Kind (ebenfalls ärgerlich) Aber mein Gott! wenn er schon Sessel heißt, warum muß er dann la chaise auch noch heissen?

4
Lehrer Sage mir Niklas was ist [durchgestrichen: das] ein Wunde?
Niklas Wunde – ist – ist – ih woaß nit!
Lehrer Gib acht! [durchgestrichen: ich] du wirst es schon wissen. Wenn du dich in die Hand
schneid’st (: schneuzt :), was hast du dann in der Hand?
Niklas Einen Rotz.

5
Man sagt, die Häuser auf dem Graben hätten auf Befehl des Erzbischofs weggebrochen werden müssen weil

 
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er nicht leidet daß das Pater-noster-Gassel so nah beym Jungferngassel ist.

6
Eine Frau befahl in ihrem Testamente daß ihr, um dem Scheintode zu entgehen, Sigelwachs auf die Adern getropft werden soll wenn sie stirbt. Sieh, sieh, sagte Einer, die will sogar noch nach ihrem Tode petschirt werden.

7
Gib mir der Herr einen [unleserlich] Hofdamenkäse sagte ein Schusterjunge, der zu einem Kässtecher in den Laden trat. Dummer Junge! versetzte dieser, wir haben Kroyer-[?] Emmenthaler-Limburgerkäse, aber keinen Hofdamenkäse. Ach ja! erwiderte der Junge, Sie haben schon einen, aber Sie wollen ihn nicht her geben. Der großlukete dort, das ist der Hofdamenkäs.

8
Jüngst schrieb Jemand einen Marktbericht aus Pesth, worin folgende zweideutige Stelle vorkam:
Das Tuch ist herab gefallen
Die Leinwand ist hinauf gegangen
Und die [unleserlich] Waar hat einen Stoß beko_men.

Vorlieb geno_men! (: die Fortsetzung fogelt:)
I F C

 
     
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