Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 18. Juni 1870
 
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Wildhaus 18. Juni 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Zu danken und wieder zu danken habe ich Dir, und eine Kleinigkeit, mit der ich Dir meine Dankbarkeit, nicht beweisen, aber doch etwas bethätigen könnte, sperrt sich, wie wenn’s nicht sein wollte!

Über die St. Lorenzerin, deren Stiefmutter jetzt ganz zur Unzeit die Liebenswürdigkeit in Person sein soll , – sie hat eben das einzige Kind zu Hause – schreibt mir der ehemalige Administrator <Kürzel für?> Paul Konrad Altherr zwar sehr Vortheilhaftes, aber sie war nie Wirtschafterin! Allegat 1.

Frl. Marie Miklositsch, meine 2. Reserve, die 50jährige Gans, denke Dir, hat sich vorgestern verlobt!

Eine Dritte (Cäcilia Kraschnig) die mir als eine Perle empfohlen worden war – ihren Brief

 
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lege ich als Allegat 2 bei – ist nach dem Urtheile eines alten Bekannten in Mahrenberg, an den ich mich gewendet, in dem Grund nichts nutz. Allegat 3, – sammt den anderen dem Papierkorb zu widmen.

Aus alledem sehe ich, daß ich auf dem Holzweg bin. Morgen gehe ich nach Gratz, bin aber Abends wieder hier u. Montag ziehe ich andere Seiten auf – d.h. ich schreibe obigem Feldbacher nach Mahrenberg, seine Frau ist eine tüchtige Person, die eine bedeutende Wirtschaft eigenhändig führt, <und> verläßlich wie ihr Mann der Mahrenberger Bürgermeister ist. Sehr froh bin ich, daß die Sache bis zum September Zeit hat, denn es würde mich gar so freuen, Dir den kleinen Gefallen thun zu können.

Daß ich Dir für Deinen lieben, lieben

 
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Letzten nicht früher gedankt, hat seinen Grund darin, daß ich nichts Gutes zu schreiben hatte. Heute dagegen bin ich in der Lage, Dir eine Freude zu bereiten an Freuden die ich Dir verdanke. Heute kam der erste Correcturbogen meiner Ethik, den ich soeben mittelst Extraboten auf die Post geschickt. Corregiren <und> Columnentitel ansetzen, einen Brief dazu schreiben, <und> das immer wieder Ansehen des beseligenden Bogens, das alles raubte viel Zeit. Daher meine Eile; aber ich bin glücklich wie Einer, der sein Lebensziel erreicht hat.

Dann schreibt mir Wasa, daß To_masit’s Legitimirungsgesuch erhört worden ist. Das verdankt der gute Kerl rein Dir, denn die Signatur hätte er nie, u. ohne sie nie die Legitimirung seiner drei Mäderte erlangt.

 
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Und ich ungeschickter Ruß, sollte Dir nicht einmal eine ordentliche Wirtschafterin verschaffen können? Das will ich doch sehen.

Überlesend bemerke ich, daß ich so geschrieben habe, als wollte ich Feldbacher Deine Frau wegschnappen. Nein, ich hab[durchgestrichen: t]e mich überzeugt, daß Diejenigen, an die ich mich bislang gewendet, einzig darauf bedacht sind, Leute an Mann zu bringen; da schlage ich einen anderen Weg ein.

Entschuldige meine Eile u. hundemäßige Schrift, <und> bleibe immer so gut
Deinem
B. Carneri
Beschließerin

Unsere Handküsse der liebenswürdigen Gräfin <und> alles Liebe Eurem lieben Theodor.

 
     
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