Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 8. Juni 1870
 
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Wildhaus 8. Juni 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Eben komm ich von Marbutg zurück, <und> da ich morgen den halben Tag in Zellnitz bin, wo mehre Gemeinden die Wahl wahlen vornehmen und ich außer mit meiner Gemeinde auch mit dem Ortsschulrath dort zu thun habe, so kann ich, um mein Versprechen zu halten, <und> nicht erst übermorgen zu schreiben, nur sehr flüchtig über den Stand der Beschließerin-Frage berichten. Der Horizont ist heller, obwohö ich nichts Neues quod personam, rectins: keine neue Person aufgetriben habe. Ich ahbe ganz zufällig in Erfahrung gebracht, daß Mansell? Mikloscitsck ihren ritterlichen, hofräthlichen <und> total ferne stehe, insofern er, wie ihr andrer , der in Marburg Schuldirector ist, gar nicht um sie sich kümmert. Bischof Stepinschneg, den durch eine besondere That sich nicht auszeich-

 
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net, glaubte, als sie seinen Dienst verließ, bei seinem Herrn Collega im Herrenhause sich entschuldigen zu müssen, <und> war sehr frappiert zu sehn, daß diese die Sache nicht nur sehr gleichgiltig nahm, sondern überhaupt gar nicht wußte, wo sein Schwester sei: Daß sie jetzt bei der in sehr dürftigen Verhältnissen lebenden Wittwe des Bez. Hauptmanns Wutt sich befindet, <und> diese gegen Wohnung <und> Kost bedient, ist ein Umsatnd, der im mit den obigen meine ursprüngliche Ansicht derart modificirt, daß er vielleicht auch bei Dir die Anschauung wesentlich ändert. Dann hörte ich wieder, <und> zwar so verläßlich, als man überhaupt derlei hören kann, daß eine gewissenhaftere <und> geschicktere Person nicht zu finden sei. Der Jahre soll sie nicht 45 sondern nahezu fünfzig zählen, aber stark <und> gesund sein. Um was sie vielleicht zu alt ist, um das sind die „wilden Burschen“ schlechter dran. Kurz, wenn Ihr sie bei der Durchreise durch Marburg seht, <und> sie zusagt, wird vielleicht doch noch ’was Gutes draus.

 
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Ein Wählerverzeichnis-Blanquett stiert mich unerbittlich an; ich muß schließen.

Mit 1000 Handküssen, <und> das Herz voll innigster Anhänglichkeit <und> Verehrung
Dein
treuergebener
B. Carneri

Braumüller läßt mich noch immer zappeln; es ist vielleicht gut, damit seine definitive Zusage mich nicht um mein Bischen Athem bringe.

 
     
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