Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 6. Juni 1870
 
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Wildhaus 6. Juni 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Ich bin desperat. Die Person, mit welcher nach allem, was ich weiß, Ehre aufzuheben gewesen wäre, ist vor der Hand nicht zu haben. Sie befindet sich jetzt bei ihrer Mutter, und da ihre Schwester kürzlich geheirathet hat, läßt sie die Mutter nicht fort. Sie wäre sehr gerne nach Thurn am Hart gegangen; daher die Verspätung der Antwort. Sie meint freilich, lange werde sie es bei der Mutter, die eigentlich ihre Stiefmutter und eine fatale Person ist, nicht aushalten; aber auf derlei hin kann man nicht warten. Für alle Fälle übrigens frage ich mich noch bei jemand an sie; denn der Gedanke, einen so lockenden Platz verloren zu haben, dürfte das ohnehin schwache Land zwischen Mutter und Tochter eher schwächen, als fester, machen, und gewiß tritt sie wegen eines anderen Dienstes nicht in Unterhandlung, ohne früher sich angefragt zu haben, ob der Platz bei Euch definitiv besetzt ist? Von der anderen Seite kann es

 
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doch sein, daß, falls etwas Passendes so bald nicht[durchgestrichen: s] sich fände, Deine jetzige Beschließerin länger bleibe, oder daß mit einer etwaigen neuen Acquisition – vielleicht greifen wir noch auf die Reserve zurück – auf die Länge nichts sei. Das ist alles sehr schön, wirst Du sagen; mancher General wäre ganz glücklich gewesen, hinter der Reserve noch eine Reserve stehen zu haben; aber die Reserve allein führt zu nichts, wenn es eine Schlacht zu schlagen gilt: wir hätte da eine zweifache Reserve, aber noch immer keine Armee. Das eben macht mich so toll; denn ich kann Dir nicht sagen, wie glücklich es mich machen würde, wenn auch nur durch Vermittelung Anderer, in einer wichtigeren Angelegenheit dir einen kleinen dienst erweisen zu können. Das Nubenmädchen? meiner Schwester weiß niemand mehr. Aspirantinen gäb’s genug, aber man kennt sie nicht. Ich habe daher nur mehr Eine Hoffnung. Übermorgen gehe ich nach Marburg, und frage mich bei einer Frau an, die vielleicht wen auftreibt und gewiß

 
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nur Empfehlenswerthes empfiehlt. Das Resultat der ersten Besprechung melde ich Dir gleich; denn hätte diese Frau keine rechte Aussicht, etwas zu finden, so wäre es doch gut, wenn Du – was ich da sage kostet mich viel Überwindung – nach einem Glücklichern Dich umsähest. Sei übrigens überzeugt, daß es unter allen unseren Wahlagitatoren nicht Einen giebt, der seine Aufgabe eifriger und gewissenhafter zu lösen bestrebt wäre, als ich nach einer Candidatin für Deine Kammer fahnde.

Weil ich schon das Wort genannt habe: nach den Händen zu urtheilen, welche die Leitung der Wahlagitation übernommen haben, dürfte die Zusammensetzung der künftigen Landtage in praktischer Beziehung viel zu wünschen übrig lassen. Gottes Affe ist wieder nahe daran in Gottes Werk Werk zu greifen. Gleichpachs Rücktritt bedauere ich von ganzen Herzen. Kann sein, daß das jetzige Ministerium Kaiserfeld zum Landeshauptmann mache; aber viel wahrscheinlicher ist mir die Ernennung

 
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Conrad’s. Diesen schätze ich sehr hoch im Landtag; er ist eine wirkliche Capacität, <und> solang der Wind von liberaler Seite weht, kann die Verfassungspartei fest auf ihn bauen. Eben darum ist er ein sehr gefährlicher Mann, und dieß um so mehr an einem Platze, der seinen bekannten Eigennutz den schönsten Spielraum gewähren würde. Dazu Potocky’s glückliche Hand.

Die Wahl der Marburg-St. Leonhard – W. Feistritz Landgemeinde: Seidl – Brandstätter gegen [durchgestrichen: „Radey“ in Kurrentschrift] Radey – [durchgestrichen: „Senc“ in Kurrentschrift] Sanc (quondam Serentz) wird eine sehr hitzige sein, <und> ich fürchte shr, als wahlmann diese Sauerei mitmachen zu müssen. Die Slovenen setzen alles in Bewegung, weil, wenn Seidl u. Brandstätter aus diese Gruppe in den Landtag kommen, dieser sie als die zwei Vertreter der Slovenen in den Reichsrath schicken könnte, um einer abermaligen Ausreißerie vorzubeugen.

Und nun lebe recht recht wohl sammt Deinen Lieben. Von uns allen Handküsse, Empfehlungen, Grüße, <und> für’s Leben Dein dankbarster, ganz Dir ergebener
B. Carneri

 
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  Von Braumüller nichts näheres.  
     
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