Brief von Bartholomäus Carneri an Anastasius Grün
Wildhaus, am 2. Juni 1870
 
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Wildhaus 2. Juni 1870.

Geliebtester und verehrtester Freund!

Entschuldige, daß ich mit mir beginne; aber es ist stärker, als ich. Zudem beginne ich doch mit Dir, mit Deiner Verwendung bei Braumüller, von der ich wohl wußte, wie werth sie sei.

Soeben erhalte ich Brief von Braumüller, nach welchemn der Geschäftsabschluß fast nur mehr – von meiner Forderung abhängt! Den Eindruck, den dieser Breif auf mich gemacht hat, kann ich Dir nicht schildern. Ich kann Dir nur sagen, daß ich ein wirklich armer Teufel sein muß; denn wenn eine Nachricht mich umbringen kann, so ist es keine schlechte, sondern eine gute: gegen das größte Unglück finde ich einen Trost, bei einem großen Glück weiß ich mich nicht zu benehmen. Die Sache kam auch gar nicht zu unerwartet, und der übermäßige Kraftaufwand, den die Arbeit, bei meiner Lage, von mir erfordert hat, ließ offenbar einen großen Theil meines Individuums in sie übergehen. Du begabst Dich persönlich zu Braumüller, weil Dir, wie Du sagtest, die Sache als eine meinige Herzensangelegenheit erschien. Du wußtest damals mehr, als ich selbst; denn mit einer Art Schrecken sehe ich heute, daß es eine Art Lebensfrage war. Ich bin noch nicht ganz gefaßt, obwohl es schon drei Stunden sind, daß ich den Brief erhalten habe. Als ich, eine Stunde nach dessen Empfang zum Essen ka, war ich so blaß, daß meine zwei Damen sich über mein Aus-

 
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sehenentsetzten. Sie glaubten, ich sei krank.

Möchtest Du aus diesem Geschmirr sehen, wie mir zu Muth ist, und daraus entnehmen, wie dankbar ich Dir sein muß. In welchem Winkel von Braumüller’s Zimmer läge heute noch mein Brief ohne Dich!

Auf Deinen lieben Brief vom 30. v. M., in welchem Du mir die so freundliche Erfüllung [durchgestrichen: D] meiner Bitte anzeigtest, wollte ich Dir erst Freitag oder Samstag antworten, damit Du nicht das Schreiben eröffnest mit der Hoffnung auf eine bestimmtere Nachricht, und dann nichts fändest. Erst Freitag oder Samstag erfahre ich etwas Bestimmtes über die bereits signalisirte zor avis?. Die Leute sind so langweilig! Sie war bei einem Herrn, der mir, wenn ich ihm schreibe, gewiß reinen Wein einschänkt; aber um ihm zu schreibenmuß ich ihren Namen wissen, u. den erfahre ich erst in ein paar Tagen. Sei überzeugt, daß ich alles aufbieten werde, um Dir ein brauchbares Individuum zu verschaffen. Fräulein Marie M. bleibt in der Reserve.

Ich schließe, weil ich heute noch an Braumüller schreiben muß. Meine Forderungen werden ihn nicht zurückschrecken, und ich bin der schönsten Hoffnungen voll. Möchte Dir es der Himmel an Deinem Kinde vergelten. Mit der innigsten Freude hörte ich von seiner Herstellung. Grüße mir den lieben Knaben vielmals. Auch von mir läßt sich eine gesundheitliche Besserung melden. Gestern habe ich seit dem Jahre 1861 zum ersten Male wieder mit einem ? gehen können. Jemand, der mein Übel am Halse nicht kennt, hat keine Ahnung von dem Fortschritt, den dieser geringfügige Umstand bekundet. Doch ich muß schließen; wie ich etwas von Belang in Erfahrung bringe schreibe ich. Meine Handküsse der liebenswürdgen Gräfin.

 
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Sage ihr, daß ich ihr gern nach jeder Richtung Sorgenlosigkeit verschaffen möchte, wie ich es hoffentlich in dieser Beziehung im Stande sein werde. Von Fritzi tausend Handküsse <und> alles Liebe an Theodor.

Nochmals vergelt’s Gott, und in aufrichtigster Anhänglichkeit und Verehrung
Dein
treuergebener
B. Carneri

 
     
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